Von Jürg Krebs

Herr Lienhard, wissen Sie schon, was Sie im kommenden Jahr Anfang September tun werden?

Pepe Lienhard: Ich werde am Schweizer Big Band Festival in Dietikon teilnehmen.

Das Festival ist also schon fester Bestandteil Ihrer Agenda?

Der Anlass hat einen festen Platz in meinem Kalender, ja. Als Pate des Festivals und Mitglied der Jury dem Nachwuchs zu helfen, ist eine wichtige Aufgabe. Es bietet ihm die Möglichkeit einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Dafür stehe ich gerne mit meinem Namen ein.

Von 1951 bis 1973 gab es das nationale Amateur Jazz Festival, wo sich der Nachwuchs mit anderen Musikern messen konnte. Lässt sich in Dietikon daran anknüpfen?

Ob das Festival in Dietikon einen ähnlichen Stellenwert bekommen wird, lässt sich noch nicht sagen. Das gegenwärtige Ziel ist es, das Big Band Festival zu etablieren. Es findet ja erst zum zweiten Mal statt. Aber der Wunsch ist klar vorhanden. Zu sagen ist, dass wir uns auf die Stilrichtung Big Band und Swing beschränken, weil es in der Schweiz dafür keinen separaten Anlass gab. Das Amateur Festival in Zürich war für alle Stilrichtungen offen, also auch für Dixieland, Modern Jazz und so weiter.

Sie sind in Dietikon wie bereits letztes Jahr Jury-Mitglied. Wie klingt eine gute Big Band?

Die Jury beurteilt die Interpretation eines Stücks, achtet darauf, ob sich eine Band mit dem Stück befasst hat oder nur Noten spielt, wir achten auf die Phrasierung, die Intonation und tausend weitere Dinge. Dinge, die bei Profimusikern selbstverständlich sind, aber eben nicht bei 16-, 17-jährigen Nachwuchsmusikern.

Wie schwer fällt es Ihnen zu kritisieren, wo die Jungen ein Lob hören wollen?

Die Jury erklärt den Big Bands die Wertung ausführlich. Dafür nehmen wir uns Zeit. Ich bin überhaupt kein Fan von Casting-Sendungen und der Art und Weise, wie mit hoffnungsfrohen Nachwuchsmusikern umgegangen wird. Das ist entwürdigend für die jungen Leute. Gleichzeitig bin ich ehrlich und sage, was ich denke, auch wenn ich weiss, dass ein Lob lieber gehört würde. Musik ist mir zu wichtig, um nur Blabla von mir zu geben.

Was bedeutet es für einen jungen Musiker, an einem solchen Anlass auftreten zu können- Sie haben es in Ihrer Jugend ja selbst erlebt?

Das Amateur Jazz Festival war stets der Höhepunkt in meinem Jahr als junger Musiker. Darauf habe ich hingearbeitet. Ich habe es mit meiner Pepe Lienhard Bigband 1965 sogar gewonnen, was mir das Titelcover der «Schweizer Illustrierten», in der Folge Bekanntheit brachte.

Freitag- und Samstagnacht wird am Dietiker Festival eine Jamsession mit dem Willy Bischof Trio abgehalten. Spielen Sie mit?

Ich bin sicher als Zuschauer dabei. Ich denke aber, ich überlasse es den vielen anderen Musikern, vor Ort mitzuspielen und ihr Glück zu versuchen. Wir möchten eine Tradition vom Amateur Jazz Festival in Zürich wieder aufleben lassen. Damals packte man nach dem offiziellen Programm sein Instrument und ging ins Lokal Weisser Wind. Da war dann auf der Bühne der Teufel los. Ich hoffe, die Musiker machen mit.

Sie sind der erfolgreichste Schweizer Bandleader. Wie beurteilen Sie das Können des Nachwuchses?

Im Vergleich zu meinen Zeiten ist es erstaunlich gut.

Woran liegt das?

An den Möglichkeiten. In meiner Jugend in den 50er- und 60er-Jahren wurde an den Kantonsschulen nur klassische Musik unterrichtet. Es gab in der Schweiz damals keine Jazzschulen, deren Abschluss einem Konservatoriumdiplom gleichgestellt ist, wie das heute der Fall ist. Dank den professionellen Schulen sind Eltern heute gewillt, ihren Kindern eine musikalische Ausbildung zu erlauben. Zu meiner Zeit musste man noch auf die Berklee School of Music in Boston. Das konnten sich nur ganz wenige finanziell leisten.

Dank diesen Schulen ist das Know-how der Musiker im Allgemeinen gestiegen?

Das Niveau ist ein ganz anderes geworden. Ob ein Musiker gleichzeitig Talent hat, ist eine andere Frage. Vor lauter Ausbildung wird manchmal vergessen, worauf es in der Musik ankommt.

Das Gefühl zum Beispiel?

Genau. Der gute Musiker hat Talent in die Wiege mitbekommen, er hat sicher viel an sich und mit seinem Instrument gearbeitet. Doch für den grossen Erfolg braucht es das gewisse Etwas. Das kann man nicht lernen. Umgekehrt gilt: Ohne die gute Ausbildung kann er heute kaum in der Szene bestehen.

Wie haben Sie den Swing für sich entdeckt?

1958 als Zwölfjähriger stellte ich meine erste Band zusammen. Für uns Jugendliche in der Schweiz war in der Vor-Rock-and-Roll-Ära der Dixieland das Grösste. Der moderne Jazz war bei uns noch nicht angekommen. Den Swing sog ich übers Radio auf: Glenn Miller, Benny Goodman oder Quincy Jones. Dann hatte ich das Glück, dass es nur 500 Meter von meinem Elternhaus in Lenzburg einen aktiven Plattenladen gab, welcher alles hatte, was das musikbegeisterte Herz begehrte. Ein unglaubliches Sortiment. Ich behaupte, das gab es in Zürich nicht. Bei jeder Gelegenheit und mit jedem Franken, den ich bekam, kaufte ich dort eine Schallplatte. Es gab die genialsten Sachen, wie etwa Miles-Davis-Platten.

Und Sie träumten den Traum vom Berufsmusiker?

Eigentlich nicht. Musik war mir sehr wichtig, aber als Beruf konnte ich sie mir nicht so richtig vorstellen. Zunächst lief alles normal: Nach der Kanti wechselte ich an die Uni und begann ein Jus-Studium. Nebenbei spielte ich weiterhin intensiv Tanzmusik und Jazz. Dann lernte ich mit 23 Jahren Freddy Burger kennen, der heute noch mein Manager ist, er überredete mich quasi dazu.

Was raten Sie einem jungen Musiker zu tun, wenn er Karriere machen will?

Wenn jemand davon träumt, als Jazzsolist seinen Lebensunterhalt zu verdienen, muss ich sagen: Es ist sehr, sehr schwer. Da muss einer wirklich hammergut sein - und Einsatz zeigen. In den 70er-Jahren nahm ich mit meinem Sextett jede Anfrage für einen Auftritt an. Wir spielten an 330 Tagen pro Jahr vor Publikum. Wir wurden zur Band für alle Fälle, hatten viel Präsenz, lernten die richtigen Leute kennen. So kamen wir nach oben. Nicht zu vergessen: Damals konnte man noch in Dancings spielen und mit Auftritten Geld verdienen. Selbst das ist heute schwierig geworden. Ohne meine Tourneen mit Udo Jürgens könnte ich keine 14-köpfige Big Band führen.

Mit Sängern wie Michael Boublé, Robbie Williams oder Roger Cicero war der Swing in letzter Zeit wieder in den Hitparaden vertreten. Was macht ihn so zeitlos?

Er gefällt einfach vielen Menschen, da lässt sich nicht drüber diskutieren. Die Big Bands sind nicht gestorben, wie zwischendurch behauptet wird, sie waren zeitweise einfach weniger gefragt. Mit seinen witzigen, deutschen Texten und den hervorragenden Musikern gelingt es Roger Cicero, ein neues, durchaus jüngeres Publikum anzusprechen. Er ist übrigens Gast bei der 75-Jahr-Geburtstagsfeier von Udo und wird mit uns live auftreten.

Ihr grösstes Vorbild ist der amerikanische Bandleader, Musiker und Produzent Quincy Jones. Warum?

Das hängt mit einem Schlüsselerlebnis zusammen. Jones trat 1961 in Baden im Kursaal auf, und zwar mit einer Wahnsinnsband. Da waren Grössen wie der Trompeter Freddy Hubbard oder der Saxofonist Phil Woods dabei. Ich ging mit meinem Bruder hin. Nach dem Konzert schlich ich frech hinter die Bühne und holte mir von allen ein Autogramm. Da machte es Klick und ich wusste - das ist der Sound, den ich spielen will.

2008 traten Sie für Ihr Idol Jones sogar am Jazzfestival in Montreux auf, anlässlich des Konzerts zu dessen 75. Geburtstag. Sie haben schon mit einigen berühmten Musikern gespielt, aber da wird Ihnen das Herz geklopft haben.

Ich habe zweimal Frank Sinatra begleitet, was für mich als Schweizer Musiker eine unglaubliche Erfahrung war und wovon ich mein Leben lang erzähle. (lacht) Aber das Treffen mit Quincy war für mich viel emotionaler, weil es den Bogen zu meiner Jugend und zum Badener Konzert schloss.