Commercia
Commercia est vita

Die Studentenverbindung Commercia Aarau wurde vor 35 Jahren gegründet, war aber lange Zeit nicht mehr aktiv. Der 18-jährige Flurin Bühlmann ist Präsident der Aktivitas und lebt für die Commercia.

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Studentenverbindung Commercia

Studentenverbindung Commercia

Stadtanzeiger

Philipp Muntwiler

Er sei leicht zu erkennen, schrieb mir Flurin Bühlmann, als wir uns für einen Gesprächstermin verabredeten, denn er trage farbige Bänder. Was das ist, konnte ich mir ungefähr vorstellen, denn mein Vater war auch Mitglied einer Verbindung.

Trotzdem war ich etwas überrascht, als mir der 18-Jährige gegenüberstand, der bei der Swiss in Basel eine KV-Lehre absolviert: Er trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und zwei gekreuzte Farben-Bänder. «Wenn ich Farben trage, dann immer in Kombination mit einem Anzug», verrät er mir. «Mit den Farben repräsentiere ich die Idee, die dahintersteht.» Und das zweite, schmälere Band, das er trage, weise ihn als Präsidenten aus.

Dieses Amt hat Bühlmann ein halbes Jahr nach der Reaktivierung der Aktivitas der Commercia im vergangenen Jahr übernommen. Die Mitglieder der Aktivitas, alles Männer, stecken noch in der Lehre. Nach der Ausbildungszeit erfolgt der Übertritt in den Altherrenverband. Die Commercia nimmt nur Männer auf, Frauen sind keine zugelassen. «Sind wir deswegen frauenfeindlich?», fragt Bühlmann herausfordernd.

Er kennt diese Frage und beantwortet sie, ohne zu zögern. «Wir halten eine 200-jährige Tradition aufrecht. Als Verbindungen entstanden sind, haben hauptsächlich Männer studiert.»

Das mag so sein, aber Traditionen könnten doch auch sanft modernisiert werden? «Es gibt Verbindungen, die sich geöffnet haben. Aber da gab es grosse Probleme zwischen den Geschlechtern. Und ich habe wirklich keine Lust, die amourösen Verwicklungen zwischen den Mitgliedern lösen zu müssen.» Ausserdem gäbe es mit der Artemia eine reine Frauen-Verbindung auf dem Platz Aarau.

Verbindungen wird oft übermässiger Alkoholkonsum vorgeworfen. Bühlmann kontert: «Klar ist mal einer betrunken und läuft im Zickzack-Kurs nach Hause, aber bei uns fliegen keine Gläser oder Stühle durch die Gegend, was bei Gleichaltrigen im Ausgang durchaus alltäglich ist.» Als Präsident habe er zudem die Macht, einem Mitglied das weitere Biertrinken zu verbieten. «Und die nütze ich auch aus.»

Wer seine Grenzen nicht kennt oder sich schlecht benimmt, der fliegt raus. Bühlmann kennt da kein Pardon. In seiner Zeit als Präsident hat er bereits zwei Personen aus der Verbindung ausgeschlossen, weil sie sich schlecht benommen hatten.

Für ihn zählen vier Sachen, da ist er knallhart: Kleidung, Anstand, Sprache und Pünktlichkeit. All das versuche er vorzuleben und den anderen auf ihrem weiteren Weg mitzugeben.

Am 16. August 1974 beginnt mit der Gründung der Aktivitas der Lebensweg der Commercia Aarau. Sie ist heute an keine Schule mehr gebunden und nimmt junge und engagierte Männer auf, hauptsächlich Lehrlinge sämtlicher Berufsgattungen.

Unter dem Motto «commercia est vita» (Handel ist Leben) möchte sie die Freundschaft und Geselligkeit unter den Mitgliedern pflegen und sich in diversen Bildungsgebieten betätigen. In der Öffentlichkeit ist die Verbindung an ihrem Traditionsanlass, dem Maibummel, sichtbar. Jede Verbindung hat ihre eigenen Traditionen. Am Maibummel wandern die Mitglieder von Gränichen aus in den Rütihof, von da über den Wannenhof nach Unterkulm. Es sei eine der schönsten Traditionen für die Aktiven. Auch am Maienzug laufen die Mitglieder mit.

Für ihre Mitglieder organisiert die Verbindung Wissens- und Bildungsreisen wie ins Festungsmuseum Full-Reuenthal oder ins Kernkraftwerk Gösgen.

Dass Bildung bei der Commercia ein hohes Gut ist, erkennt man an den schulischen Vorgaben, die erfüllt werden müssen. Wer mit seinem Notendurchschnitt unter 4,5 liegt, der wird von den Aktivitäten der Verbindung freigestellt, damit er seine Noten verbessern kann. Hierbei kann er aber auf die Hilfe der anderen Mitglieder zählen, denn auf gegenseitige Unterstützung auch in schulischen Belangen wird grosser Wert gelegt.

Wer in eine Verbindung eintrete, gehe eine Verpflichtung ein, sagt Bühlmann. Im Gegenzug schliesse man Freundschaften, die ein Leben lang halten. Das schätzt er so an der Verbindung. Der Grundstein dafür wird in der Aktivzeit gelegt: Ein älteres Mitglied übernimmt für den neu Eintretenden eine Art Götti-Funktion, die er ein Leben lang innehält. In seinem Verbindungsleben ist man Alter (Götti) und Junger (Göttibub) gleichzeitig, es ist ein Geben und Nehmen. «Wenn ich ein Problem habe, ist immer eine Ansprechperson da. Entweder kann er weiterhelfen, oder er weiss jemanden, der mir helfen könnte. Mein Alter fragte mich einmal um Rat, als er ein Problem mit seinem 14-jährigen Sohn hatte.»