Chatrooms: «Man weiss doch nie, wer die Person wirklich ist»

Im Chat war er doch so nett. Der Fall Boi zeigt, dass dies in der Realität anders sein kann. Tobias Bolliger von der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität sagt, wie man mit den virtuellen Freunden umgehen soll.

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«Man weiss doch nie, wer die Person wirklich ist»

«Man weiss doch nie, wer die Person wirklich ist»

Maja Sommerhalder

Boi musste sterben, weil sie ihre Internetbekanntschaft zum ersten Mal persönlich traf. Handelte die 17-Jährige fahrlässig?

Tobias Bolliger: Es ist immer mit einem Risiko verbunden, wenn man eine unbekannte Person zum ersten Mal persönlich trifft. Man weiss ja nicht, wer die Person wirklich ist. Das kann zu bösen Überraschungen führen.

Soll man Internetfreunde nicht treffen?

Bolliger: Vorsicht ist angebracht. Vor dem Treffen sollte man andere informieren, was man vor hat. Am besten nimmt man eine Begleitperson mit. Ratsam ist es auch, sich an einem belebten Ort zu treffen oder einen Zeitpunkt für die Rückkehr abzumachen.

Viele Leute suchen sich im Internet ihre grosse Liebe.

Bolliger: Das kann funktionieren. Von Anfang an an die grosse Liebe zu glauben, ist aber riskant und auch unrealistisch. Leider nehmen viele Internetnutzer das Medium zu wenig ernst. Sie haben das Gefühl, dass ihr Handeln nur die virtuelle Welt betrifft. Sie geben leichtfertig ihre persönlichen Daten heraus. In der realen Welt kann das schlimme Folgen haben.

Warum?

Bolliger: Namen oder Telefonnummern können in die falschen Hände geraten. Dann kann eine unerwünschte Person, immer wieder anrufen oder zu Hause vorbeikommen.

Bei Boi endete die Internetfreundschaft in einer Katastrophe. Gibt es andere Beispiele?

Bolliger: Es gibt immer wieder erwachsene Männer, die in Chatforen Jugendliche ansprechen und sie mit falschen Versprechen zum Treffen überreden. Das kann natürlich gefährlich werden.

Eine Lösung wäre doch, wenn Chatforen für Jugendliche beaufsichtigt würden.

Bolliger: Bewährt hat sich, wenn Freiwillige von Zeit zu Zeit Chatforen besuchen und auffällige Personen den zuständigen Behörden melden. Natürlich ist keine flächendeckende Kontrolle möglich.

Wird denn auf politischer Ebene genug gemacht?

Bolliger: Gerade im Bereich Jugendschutz läuft viel. Die Anbieter von Internetseiten sind auch daran interessiert, dass es in ihren Chatforen friedlich zu- und hergeht.

Sollte man die Jugendlichen nicht auch selbst in die Pflicht nehmen?

Bolliger: Es ist sinnvoll, dass der Umgang mit den neuen Medien in Schulen thematisiert wird. Denn es ist wichtig, dass man den Kindern die Gefahren von klein auf aufzeigt.

Und was können die Eltern tun?

Bolliger: In erster Linie Interesse für das Kind zeigen. Wenn einem Kind die Ansprechperson fehlt, sucht es häufig im Internet Ersatz. Eltern sollten sich auch beim Kind erkundigen, was es im Internet macht. So hat man die Kontrolle und kann Vertrauen schaffen.

Chatrooms üben gerade auf Jugendliche eine grosse Anziehungskraft aus.

Bolliger: In der virtuellen Welt ist man frei. Pubertierende haben häufig Schamgefühle und sind mit ihrem Aussehen unzufrieden. Im Internet spielt das jedoch keine Rolle. Man kann seine Identität selbst aussuchen und findet schnell Gleichgesinnte. Die Gefahr ist dabei, dass man sich aus dem wirklichen Leben zurückzieht und nur noch seine virtuellen Kontakte pflegt.

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