Spital
Chance oder Fiasko?

Der Konflikt scheint programmiert: Bringt die ab 2012 gültige Abrechnungsweise erhebliche Spareffekte und Kostentransparenz im Gesundheitswesen oder das Fiasko eines seelenlosen Spitalbetriebs? Die Grauen Panther Solothurn liessen sich durch Fachleute informieren.

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Jürg Nyfeler

Jürg Nyfeler

Solothurner Zeitung

Weil man vom künftigen Spital-Tarifsystem «Fallpauschalen im Spital» in der Öffentlichkeit wenig hört, wollten 72 Graue Panther mehr darüber wissen. Im noch amtierenden Bürgerspitaldirektor Jürg Nyfeler, der mit Hochdruck an der Einführung im Kanton Solothurn mitgearbeitet hat, und in Hansueli Albonico, Chefarzt der komplementärmedizinischen Abteilung im Spital Langnau, fanden sich für Pro und Kontra ausgewiesene Referenten.

«Das neue Abrechnungssystem soll nicht bewirken, dass Angebot und Qualität abgebaut werden», betonte Nyfeler. Er erläuterte den Wechsel von der bis jetzt üblichen Kostenberechnung, die sich als Pauschale über die im Spital zugebrachten Pflegetage des Patienten ergibt, zu den künftigen Fallpauschalen. Diese verleihen der Wirtschaftlichkeit im Spitalbetrieb mehr Gewicht.

Weil ab 2012 das System in der ganzen Schweiz gelte, entstehe mehr Transparenz und Verminderung von Überkapazitäten. Das neue Klassifizierungssystem will Patienten zu «diagnosebezogenen Gruppen» zusammenführen. Fachleute sprechen von «diagnosis related groups», kurz DRG.

Standardisierte Fallpauschalen ergeben damit gleiche Fixbeträge pro Operation. Das wird, wie Nyfeler ergänzte, zu einer deutlichen Verkürzung der Verweildauer im Spital, aber auch zu erheblichem Druck auf Nachsorgeorganisationen wie die Spitex führen. «Es ist allerdings unethisch, Menschen zu früh und ohne entsprechende Hilfe ihres Umfeldes nach Hause zu entlassen», bekräftigte der Referent, der sich überzeugt zeigte, dass bis zum Start des Tarifsystems die nötigen institutionellen Vernetzungen in der Krankenbetreuung stattfinden.

«Riesenspagat für Ärzte und Personal»

Anders als der Kanton Solothurn arbeitet man im Kanton Bern seit zwei Jahren mit Fallpauschalen. Hansueli Albonico berichtete von konkreten Vorgängen und warnte vor zahlreichen mit DRG gewonnenen schlechten Erfahrungen. «Schaffen wir mit diesem System freiwillig die Menschlichkeit in unseren Spitälern ab?», fragte er mit dem Hinweis, dass sich demnächst nur noch lukrative Fälle für Spitäler rechnen würden. Ärzte und Pflegepersonal wären zu einem Riesenspagat gezwungen, «der über unsere Kräfte geht».

Er erachte den Anreiz des Systems als problematisch, weil vor allem die Menge der gefunden Krankheiten und der dafür nötige technische Aufwand entschädigt werde. Für Zuwendung und Pflege bleibe nur wenig Zeit. «Wir hätten in der Schweiz die Chance, das System besser zu machen, indem wir weiterhin menschlich und medizinisch denken.» Wie gewohnt setzten sich die Grauen Panther mit diesem für ältere Menschen wesentlichen Thema mit intensiven Nachfragen auseinander.