Glühbirnen! Wo sind die Glühbirnen? Markus Müller, Presseverantwortlicher und stellvertretender künstlerischer Leiter, läuft stracks in die Stierkampfarena. Ein einsamer Geiger sitzt da auf der Orchestertribüne, streicht steinerweichende Melodien
in die Luft. Es ist Montagabend. Noch zwei Stunden, dann beginnt die Vorpremiere.

Zweieinhalb Stunden hat Markus Müller letzte Nacht geschlafen. Bis frühmorgens musste die Arena mit zusätzlichen Scheinwerfern aufgerüstet werden. Auch heute muss er tausend kleine Dinge erledigen. Und den ganzen Nachmittag lang blieb der Requisitenschrank-Schlüssel verschwunden. «Das ist normal», sagt er und wedelt mit einer raschen Handbewegung das Staunen über seine Gelassenheit weg. Er hat Erfahrung genug, so schnell erschreckt ihn nichts mehr.

Müllers Job bedeutet vor allem eines: laufen. Laufen und lauschen. Wir marschieren von einer Ecke des Areals zur andern, hin und her, her und hin, Müller stets mit dem Funkgerät auf Ohrenhöhe. Es kracht und knackt im Gerätchen, eine Meldung jagt die andere. Und ständig läuft ihm jemand über den Weg, der etwas von ihm will. Müller lächelt, kein böses Wort, alles wird zur Kenntnis genommen und erledigt. Die Uhr tickt, das Vorpremieren-Publikum tröpfelt auf den Platz. Noch eine Stunde.

In den Schulhaus-Katakomben ist es recht frisch. Das kühlt die Nerven der spanischen Fabrikarbeiterinnen herunter, die sich hier für ihren Auftritt bereit machen. In graue Mäntel gewickelt stehen sie vor den Spiegeln und spritzen sich Haarspray in die schwarzen Mähnen. Es riecht gut. In einem separaten Raum werden Carmen und Micaëla vorbereitet, der Tisch vor ihnen ist überstellt mit Schminkzeug, Tuben, Pinselchen. Und von irgendwo her schallt Gesang durch die Gänge. «Don José», erkennt Müller nach kurzem Hinhören und steigt die Treppe hinauf, Don José entgegen.

Peter Bernhard, Präsident der Oper Schenkenberg und künstlerischer Leiter, schlüpft in seine Stiefel. Er war es, der vorher gesungen hat, er ist heute Don José. Deswegen auch die Vertretung durch Markus Müller, er kann sich als Sänger nicht um die Leitung kümmern. «Wann findet das Einsingen statt?», will er von Müller wissen. Müller weiss es nicht, die Techniker müssten das wissen. Über Funk melden sie sich nicht, also müssen wir sie suchen. «Toi, toi, toi», wünscht Müller im Gehen. Bernhard erwidert nichts. Gut so. Würde er sich bedanken, würde es Unglück bringen.

Wieder geht es über den Platz. Das Publikum fliesst inzwischen, noch eine halbe Stunde. Die Sänger zwitschern und heulen sich in abgelegenen Ecken warm. Die Fragen kommen jetzt Schlag auf Schlag. Beim Orchester fehlen Seitenwände, sagt einer. Wie macht man die Gäste im Aussenbereich auf das Pausen-Ende aufmerksam, fragt ein anderer. Müller nickt, läuft weiter. Wie merkt er sich das alles? «Sequenziell», sagt er und lächelt und läuft weiter, hin und her. Die Anspannung ist inzwischen greifbar, die Luft über dem Platz flirrt und duftet nach Paella. Müller lächelt noch immer. «Alles kommt gut», sagt er. Noch fünf Minuten.