EIN WINTERTAG wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne scheint ins leere Holz, die dünne Schneedecke auf dem Laub reflektiert das Licht. Es ist kalt, so kalt, dass die Niesenbergstrasse im Waldstück vereist bleibt. Eine Herausforderung für die wenigen Autos, die unterwegs sind, ein Vergnügen für die Kinder auf dem verordneten Sonntagsspaziergang in Richtung Sarmenstorf: Es geht abwärts und die Strasse wird zur langen Rutschbahn.

IN DER NÄHE der Steinzeitgräber klingt klassische Musik aus dem Unterholz. Vivaldi, «Die vier Jahreszeiten ». Wer der Musik folgt, erreicht bald einen Waldweg. Da steht ein dunkelgrünes Mercedes-Cabrio älteren Jahrgangs, aus dessen heruntergekurbelten Fenstern Vivaldi seinen Weg durch den Wald nimmt. Das Cabrio sieht gepflegt aus und glänzt im winterlichen Sonnenlicht. Vor dem Auto steht ein Mann und hantiert konzentriert mit einer Kamera; dann fotografiert er das Cabrio. Sein Cabrio. Minutenlang und von allen Seiten. Die Musik aus dem Innern des Mercedes ist unverändert laut und klassisch. Der Mann sieht zufrieden aus.

WENIG SPÄTER fährt der Mann sein Cabrio vorsichtig Richtung Tal. Die auf der Strasse rutschenden Kinder hören ihn nicht kommen. Er hupt, versucht zu bremsen und sein Auto gerät ins Rutschen. Die Kinder springen unaufgeregt zur Seite und bringen sich so in Sicherheit; das Auto schlittert quer über die Strasse, dreht sich um 180 Grad und kommt dann fast schon sanft zum Stehen. Nichts ist passiert. Nicht einen einzigen Kratzer hat das dunkelgrüne Cabrio abbekommen. Und auch Vivaldi klingt unverzagt weiter. Ohne Glück gehts halt einfach nicht im Leben.

joerg.meier@azag.ch