Waadtland

Brüskierte Waadtländer

Mangelnde Deutschkenntnisse von Pascal Broulis werden immer mehr zum Thema, denn im Chor mit Deutschschweizer Freisinnigen verlangt auch Bundesratskandidatin Martine Brunschwig Graf gute Deutschkenntnisse von den welschen Bundesratskandidaten. Eine Spitze gegen die Konkurrenz?

Gieri Cavelty

Der Aargauer FDP-Nationalrat Philipp Müller sagt es deutsch und deutlich: «Wer seine Frage auf Deutsch stellt, erwartet auch eine Antwort auf Deutsch.» Wenn die aus der Romandie stammenden Kandidaten für den freiwerdenden Regierungssitz von den Bundeshausfraktionen zu Hearings geladen werden, gehöre das Beherrschen der wichtigsten Landessprache zu den Grundvoraussetzungen. Und echte Sprachkompetenz zeige jemand nun einmal erst, wenn er sich in dieser Sprache ausdrücke. Müllers Rats- und Parteikollege Werner Messmer redet diesem das Wort: «Das Deutsch muss ja nicht perfekt sein», meint der Thurgauer. «Aber Deutsch muss es sein. So sind die Regeln.»

Nur: Gabi Huber hört von diesen Regeln das erste Mal - dabei ist sie als Fraktionschefin der FDP für die freisinnigen Hearings verantwortlich. «Die Kandidierenden können sich in ihrer Sprache ausdrücken», erklärt Huber. «Wichtig ist einzig, dass man den Kandidaten die Frage nicht übersetzen muss.»

Schützenhilfe für Pelli

Warum also der Ruf nach einem deutschsprechenden Romand? Der frühere FDP-Präsident Franz Steinegger erklärt: «Solche Forderungen werden dann erhoben, wenn man einen unliebsamen Anwärter ausschalten will.» Der Reim ist rasch gemacht, gegen wen es geht: «Das ist eine unqualifizierte Attacke gegen Pascal Broulis», echauffiert sich die Präsidentin der Waadtländer FDP, Christelle Luisier. Und ein nicht minder erboster Olivier Français, FDP-Nationalrat aus Lausanne, klagt: «Man möchte Broulis kaltstellen.»

Der Waadtländer FDP-Regierungsrat Pascal Broulis hält sich zwar nach wie vor bedeckt. Seine Waadtländer Parteifreunde rechnen jedoch fest mit einer Kandidatur, und die Westschweizer Medien haben den 44-Jährigen längst zum fähigsten Bewerber um die Nachfolge von Pascal Couchepin auserkoren. Nur was seine Deutschkenntnisse anbelangt, kann sich Broulis offenbar mit keinem Aargauer Kleinkind messen. Gerüchteweise paukt Broulis derzeit Deutsch, und womöglich schafft er es bis zu der Wahl am 16. September zu soliden Passivkenntnissen. «Wirklich erlernen dürfte sich eine Sprache in ein paar Wochen aber nicht lassen», weiss Philipp Müller - der es im übrigen in Abrede stellt, eine Kampagne gegen Broulis zu reiten. «Ich sage nur, dass man sich als Bundesrat keine groben sprachlichen Defizite leisten kann.» Zugleich macht Müller jedoch keinen Hehl daraus, dass er FDP-Präsident Fulvio Pelli als Couchepin-Nachfolger favorisiert. Dieser hat eine mögliche Kandidatur im letzten Augenblick bislang nie ganz ausgeschlossen.

«Eine Selbstverständlichkeit»

Pelli selbst möchte Müllers mutmassliche Schützenhilfe nicht kommentieren. Der Tessiner meint nur: «Wichtige Leute in Bern müssen Deutsch beherrschen.» Aber, ergänzt Pelli: «Man kann die Sprache auch nach der Wahl lernen. Dann aber schnell.» Dankbar aufgenommen wird Müllers Steilvorlage dagegen von der offiziellen Bundesratskandidatin Martine Brunschwig Graf: «Philipp Müller verlangt nur eine Selbstverständlichkeit», erklärt die Genfer Nationalrätin der MZ in angenehmem Hochdeutsch. Bei den Waadtländer Radikalen kommt das ebenfalls schlecht an. Kantonalparteipräsidenten Christelle Luisier: «Die Absicht hinter solchen Äusserungen ist sehr durchsichtig.»

«Hofierte Minderheit»

Übrigens: Bis in die Achtzigerjahre war es ein einseitiges Privileg der Romands, von einem Bundesrat aus der Deutschschweiz erwarten zu dürfen, dass er Französisch nicht nur verstand, sondern auch sprechen konnte. Demgegenüber haben Bundesräte wie Paul Chaudet (im Amt 1954 bis 1966), Pierre Aubert (1977 bis 1987) oder René Felber (1987 bis 1993) praktisch kein Wort Deutsch gesprochen. Der frühere SP-Präsident Helmut Hubacher formuliert es so: «Die Minderheit wollte hofiert werden, und die Mehrheit gab sich grosszügig.» Zu einem Kulturwandel ist es erst in den Neunzigerjahren gekommen. In den Parteizentralen wünscht man sich seither Regierungsvertreter, die in der Sendung «Arena» des Deutschschweizer Fernsehens bestehen können.

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