Interview

Brauchen wir nicht eine Schulpolizei?

Markus Furrer, Schulsozialarbeiter in Wildegg, spricht über den Fall des gequälten Schülers und seine Arbeit.

Markus Christen

Am späten Donnerstagabend wirkt das Gelände der Schule Hellmatt in Wildegg ruhig und behaglich. Die Erinnerung an den dramatischen Vorfall, der sich hier vergangene Woche abgespielt hat (siehe Update), wird zum Aufflackern einer phantastischen Sotry. Doch für Schulsozialarbeiter Markus Furrer sind die Aufarbeitungsmassnahmen noch in vollem Gange.

Herr Furrer, Sie haben intensive Arbeitstage hinter sich. Wie muss man sich Ihren derzeitigen Tagesablauf vorstellen?
Markus Furrer: Ein Vorfall, wie wir ihn erlebt haben, wirbelt die Agenda durcheinander. Ich hatte intensiven Kontakt mit Edgar Schaller, dem Chef des kantonalen Schulpsychologischen Dienstes, mit dem ich das Bewältigungskonzept besprochen habe. Ich darf auch zugeben, ich war sehr nervös, wusste, dass die Aufarbeitung der Vorkommnisse eine heikle Sache ist. Am Mittwoch habe ich am Elternabend über meine Tätigkeit informiert und meine Ausführungen wurden wohlwollend aufgenommen. Meine Erfahrungen, die ich mit den Schülern gemacht habe, haben sich mit denjenigen gedeckt, welche die Eltern mit ihren Kindern zu Hause gemacht haben. So viel ich weiss, haben sich auch die Schüler positiv über die Klasseninterventionen geäussert.

Ein Ereignis, wie es in Möriken passiert ist, lässt sich nicht voraussehen. Gibt es dennoch eine Art vorgezeichnetes Krisenszenario, an das Sie sich halten können?
Furrer: So ein Krisenszenario gibt es. Es umfasst mehrere Punkte, an die man sich im Zuge einer Krisensituation halten kann und so viel ich weiss, wurde von der Schulleitung auch anhand dieses Szenarios gearbeitet.

Wie stark weicht ein solches Krisenszenario letzten Endes von der Realität ab?
Furrer: Als äusserst wichtig hat sich der Umgang mit der Presse herausgestellt. Meiner Meinung nach hat die Schulleitung in diesem Punkt besonders gut gearbeitet. Das Krisenszenario hilft, sich schnell orientieren zu können. Die Betreuung von Eltern und direkt Betroffenen kann rasch eingeleitet werden. Doch natürlich muss in einer solch unvorhersehbaren Situation immer auch improvisiert werden. Wichtig war zum Beispiel die Miteinbeziehung vom Schulpsychologischen Dienst, dem Gemeinderat und dem Departement für Bildung, Kultur und Sport.

Wie sieht das weitere Vorgehen im Fall «Hellmatt» aus?
Furrer: Der Kontakt zwischen den Schülern und mir bleibt bestehen. Mit der direkt betroffenen 5. Klasse haben die Lehrerinnen die Arbeit am Abschlusstheater wieder aufgenommen. Hier helfe ich unterstützend mit. Man kann sagen, die ganze Bewältigungsarbeit ist aufgegleist, die Kontakte sind hergestellt und jeder weiss, an wen man sich wenden kann. Auch der Kontakt zur Mutter des Opfers ist jetzt entscheidend, deshalb wird im Moment ein Gespräch mit ihr und allen wichtigen Schulstellen organisiert. Die Klasse hat klar signalisiert, dass sie die direkt betroffenen Schüler, die sich eine Auszeit genommen haben, wieder sehr gerne in ihrer Mitte begrüssen möchte.

Können Sie schon Lehren aus dem gegenwärtigen Fall ziehen?
Furrer: Wie es schon erwähnt wurde, kann ein solcher Fall nicht vorausgesehen werden. Sicher ist, dass ein neuer Fall eine neue Situation darstellen würde. In Fragen der Kommunikation hätte man vielleicht, wie Frau Streit bereits kommuniziert hat, schneller reagieren können, aber eine solche Unsicherheit ist in der Praxis schnell passiert, ich mache niemandem einen Vorwurf. In Bezug auf diesen Buben, das Opfer, ist man schon früher hellhörig geworden. Die Problematik der Ausgrenzung war in den Klassenstunden ein Thema. Mutter und Sohn wurden intensiv von der Schule betreut. Man kann aber leider nicht voraussehen, in welchen Augenblicken erneut Schwierigkeiten aufkeimen.

Sie waren einer der ersten Sozialarbeiter im Kanton Aargau. Was macht eigentlich ein Schulsozialarbeiter?
Furrer: Ich mache Einzelberatung von Kindern und Eltern und stelle den Kontakt zu denLehrpersonen her. Ich bin auch oft bei Elterngesprächen anwesend. In diesem speziellen Fall war auch die Klassenintervention wichtig. Viel Wert lege ich auf Sucht- und Gewaltprävention. Ich koordiniere auch Deutschkurse für fremdsprachige Eltern und Kinder. Grundsätzlich ist der Schulsozialarbeiter eine Triage-Stelle, welche weitervermittelt und Kontakte herstellt. So arbeite ich immer eng mit dem schulpsychologischen Dienst, der Jugend- Ehe und Familienberatung, der Suchtpräventionsstelle oder der Vormundschaftsbehörde zusammen.

Gibt es für die Stelle des Schulsozialarbeiters ein bestimmtes Ausbildungs- und Anforderungsprofil?
Furrer: Es gibt eine Ausbildung, die in verschiedenen Kantonen angeboten wird. Ein sozialpädagogisches Studium an der Fachhochschule. Diesen Weg bin ich allerdings nicht gegangen. Ich habe vor meiner Anstellung als Schulsozialarbeiter bereits in der Jugendarbeit gewirkt und wurde danach für diesen Posten angefragt. Man kann aber sagen, dass ich durch die Tätigkeit als Religions- und Theaterlehrer bereits einen speziellen Kontakt zu den Schülern aufgebaut habe, welcher nicht auf dem gängigen Lehrer-Schüler-Verhältnis beruht. Zudem leite ich heute noch den Jugendtreff in Möriken. Das waren wohl auch die Gründe, weshalb ich mehr als 13 Jahre als Jugendarbeiter tätig gewesen bin.

Wie funktioniert die Koordination zwischen Schulpflege, Schulleitung, Schulsozialarbeiter und Lehrern und Eltern?
Furrer: Die Gespräche, insbesondere die Einzelinterventionen, sind streng vertraulich. Ich mache allenfalls Vorschläge für das weitere Vorgehen. Die Betreuung passiert aber immer auf freiwilliger Basis. Sehr praktisch ausgedrückt, versuche ich problematische Situationen zu coachen.

Wie erklären Sie sich die häufigen Fluktuationen bei Schulsozialarbeitern?
Furrer: Die Stelle des Schulsozialarbeiters ist ziemlich neu und entsprechend gross sind auch die Erwartungen. Aber es kann sich niemand aus der Verantwortung nehmen, nur weil es diese Stelle jetzt gibt. Der Druck ist gross und die Abläufe sind manchmal noch nicht ganz klar definiert. In unserer Situation hat die Schulleitung aber sehr gut funktioniert und koordiniert.

Mit welcher Art von Vorkommnissen werden Sie vorwiegend konfrontiert?
Furrer: Das ist äusserst unterschiedlich und reicht von der sehr gravierenden Frage nach der Platzierung eines Schülers im Heim bis zu Freundschaftsquerelen. Mein Vorteil ist vielleicht, dass ich an der Schule bekannt bin durch den Religionsunterricht und die Theaterarbeit. Es kommen viele Kinder und klopfen bei mir an die Türe, weil ein gutes Vertrauensverhältnis besteht.

Welche Auswirkungen hat Ihr Eingreifen zur Folge gehabt?
Furrer: Meine Stelle wurde bereits einer internen Evaluation unterzogen. Die Bewertung war sehr gut, die Arbeit kommt gut an. Die Jugendanwaltschaft hat erklärt, dass sie von Schulen mit einem Schulsozialarbeiter mit weniger Vorkommnissen behelligt wird. Mein Ziel ist die Früherkennung, welche ein rasches und rechtzeitiges Eingreifen ermöglicht.

Wie ist auf verhaltensauffällige Schüler, oder solche Schüler, die sich durch ihr extrem passives Auftreten bemerkbar machen, zu reagieren?
Furrer: Das läuft eigentlich alles über die Eltern oder die Lehrpersonen, sie sind die Indikatoren. Man muss einfach immer sehr genau hinschauen, stets ein waches Auge haben. Sobald ich kontaktiert werde, kann ich eine Beratung anbieten, oder an eine Fachstelle weitervermitteln. Aber mein Kontakt mit den Klassen ist nicht derart intensiv oder aktiv, dass ich auf Probleme von mir aus aufmerksam werden könnte.

Braucht es in der heutigen Zeit nicht eine eigentliche Schulpolizei anstatt einen Schulsozialarbeiter?
Furrer: Gewalt entsteht in der Anonymität. Entscheidend ist, in der Schule möglichst wenig anonyme Flecken zu generieren. Das ist die Kultur, die wir an der Schule etablieren wollen. Ich habe oft beobachtet, dass nach dem Kontakt mit den Eltern das Verhalten der Schüler zum Besseren beeinflusst wird.

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