Limmattal
Boom bedroht Lebensqualität im Limmattal

Eine geordnete Entwicklung des Limmattals ist viel weniger gewährleistet, als viele glauben wollen. Das zeigt eine neue Studie von internationalen Städte- und Raumplanern. Sie fordern zum sofortigen Handeln auf, soll Unbill von der Region rechtzeitig abgewendet werden.

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Limmattaler Zeitung

Von Jürg Krebs

Zwischen Zürich und Baden knallen die Sektkorken: Weil Investoren die Vorzüge des Limmattals entdeckt haben und Milliarden investieren, wird emsig gebaut und das erzeugt nach Jahren der Stagnation willkommene Aufbruchstimmung. Die Gemeindeoberen sind zufrieden und die örtlichen Grundbesitzer ebenfalls. Doch je weiter die Entwicklung voranschreitet, desto häufiger kommt bei Verantwortlichen und Interessierten Zweifel auf, ob die Richtung überhaupt stimmt.

Die Zweifel sind berechtigt und werden nun von einer Gruppe europäischer Städte- und Regionalplaner gestützt, die das Limmattal unter die Lupe genommen haben. Ihr Fazit: Die Zukunft wird geregelt, aber nicht geplant. Es fehlt an einer Vision. Daraus lässt sich ableiten: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wird weiterhin so planlos gestaltet und eigennützig investiert wie bisher, folgt der aktuellen Aufbruchstimmung bald schon der Katzenjammer. Denn ohne Vision wird die Region zu einer Raumplanungsleiche. Das Interesse auch von Investoren, das Limmattal zu gestalten und in die Region zu investieren, wird sinken - zuletzt werden die Menschen vor vollendete Tatsachen gestellt sein und mit den negativen Auswirkungen allein gelassen. Es wäre der Rückfall in vergangene Tage.

Der druckfrische Bericht mit dem etwas nüchternen Titel «Eine Vision für das Westliche Einfallstor zur Metropolitanregion Zürich» wurde von der Internationalen Gesellschaft für Städte- und Regionalplanung herausgegeben. Beteiligt war das ETH-Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung mit Professor Bernd Scholl. Scholl arbeitete bereits am Bericht «Zukunft Limmattal» der regionalen Standortförderung mit, der im letzten Herbst publiziert wurde.

Die Ausgangslage für die Analyse beschreibt Scholl im Vorwort der Studie: Das Limmattal ist konfrontiert mit gewaltigen Herausforderungen, die seine Funktionalität als Lebensraum, Arbeitsplatz und Erholungsort sowie als Träger nationaler und metropolitaner Infrastruktur tangieren; nicht zuletzt auch seine ökologischen Kapazitäten und die Lebensqualität der Bewohner.

Die Forscher wählten für ihre Analyse des Limmattals drei Betrachtungsebenen: eine nationale, eine regionale und eine lokale. Jede beeinflusst die andere, bietet unterschiedliche Chancen und birgt ihre ganz eigenen Gefahren von Fehlentwicklung. Auf allen Ebenen können divergierende Prozesse ablaufen. Der Hebel der Veränderung sei auf der regionalen Ebene anzusetzen. Die Lösungsansätze bestimmen, welche Konzepte für die nationale und lokale Ebene zu wählen sind, so die Forscher. Eine Lösung sei nur zu erreichen, wenn das Limmattal trotz vielen Grenzen als eine Planungsregion verstanden werde.

Bestätigt wird, dass das Limmattal ein Raum von nationalem Interesse ist. Mit Folgen, weil dieses in erster Linie der Infrastruktur wie SBB-Linie und Autobahn als wichtigster Transitroute für Personen und Güter gilt. Mit dem Rangierbahnhof befindet sich auch der wichtigste Umschlagplatz für Frachtgut im Limmattal.

Die Lebensqualität im Tal nimmt ab, je weiter die nationale Infrastruktur ausgebaut wird und sich somit flächenmässig ausbreitet. Darin sind sich die Forscher einig. Vor allem ist dieser Ausbau rein technisch gesteuert, ohne Rücksicht auf Wohnbevölkerung und Umgebung.

Die Zugänglichkeit der verstreuten offenen Gebiete und grünen Zonen im Limmattal sowie der Limmat ist schlecht. Ein Grund: Strassen, die nur für Fahrzeuge nicht aber für Fussgänger und Velofahrer konzipiert sind. Durchgangs- und Geschäftsverkehr dominieren und schränken die Bewegungsfreiheit der Wohnbevölkerung in anderen wichtigen Lebensbereichen ein. Solche Probleme müssen regional angegangen werden, so das Forscherteam. Zudem: Die Verkehrsachsen und Industrie- und Gewerbezonen isolieren Quartiere und machen sie unattraktiv.

Das Zauberwort zur Lösung heisst in allen Fällen: Vernetzung: Das Nordufer der Limmat soll mit dem Südufer durch Brücken verbunden werden; die Autobahn durch Landschaftsverbindungen, wie sie vor dem Gubristportal reklamiert wird; die Hügelzüge durch Fuss- und Velowege und Freiräume.

Überhaupt wurden Fuss- und Velowege sträflich vernachlässigt und damit eine wirksame Chance vertan, den Auto-Anteil im Nahverkehr zu verringern. Denselben Effekt hat eine Konsolidierung der städtischen Zentren. Auf keinen Fall dürften die grossen Verkehrsachsen ausgebaut werden. Nur der öffentliche Verkehr kann auf so engem Raum wie dem Limmattal das Fortkommen garantieren, so die Forscher. Erst recht wenn die Einwohner- und Arbeitsplatzzahl weiter steigen sollte.

Natur muss ein wichtiger Bestandteil des Limmattals bleiben. Im Vordergrund stehen aber nicht Naturschutzgebiete, sondern gestaltete urbane Landschaftsräume. Alles andere ist im Agglomerationskontext illusorisch, so das Forscherteam. Einer ihrer Vorschläge ist die Erschliessung der Limmat für Erholungssuchende, wobei sich Bademöglichkeiten mit ruhigen Naturplätzen abwechseln sollen. Stellenweise nahe ans Wasser zu bauen, könnte ebenfalls eine Möglichkeit für mehr Lebensqualität sein.

Nicht die ganze Entwicklung geschieht plan- und konzeptlos: Als positive Beispiele werden von den Forschern das Projekt Agglomerationspark Limmattal genannt, dessen Ziel es ist, für obige Lösungsansätze Projekte zu generieren, zudem das Leitbild Landschaft der Regionalplanungsgruppe Zürich und Umgebung. Ihre Arbeit verstehen die Forscher als Beitrag zur Debatte um die Zukunftsgestaltung des Limmattals.