Aargau
Bewährung für Bewährungshilfe

Die Bewährungshilfe Aargau befindet sich nach dem Fall Daniel H. im Ausnahmezustand. Ihre Organisation wird infrage gestellt. Trotzdem übernimmt sie neue Aufgaben.

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Aargauer Zeitung

Alois Felber

Der Mord an Lucie Trezzini überschattete und beherrschte die Generalversammlung des Vereins Bewährungshilfe Aargau. Seit 1925 nimmt der Verein den Auftrag der Bewährungshilfe wahr. Doch seit dem Tötungsdelikt von Rieden werden nicht nur allfällige Fehlentscheide der Institution untersucht. Auch ihre Organisation ausserhalb der kantonalen Verwaltung wird vom Grossen Rat infrage gestellt. Der Vereinspräsident, Oberrichter Hansjörg Geissmann, ging nach einer Schweigeminute für die Getötete denn auch ausführlich auf die Situation ein. Die Bewährungshilfe stehe jetzt selber in einer Phase der Bewährung, sagte Geissmann.

Erschüttert und ohnmächtig

Der Fall habe alle erschüttert. Geissmann sprach vom «grösstmöglichen Scheitern» der Bewährungshilfe. Vom Moment, an dem man erkannt habe, dass ein Klient (der bedingt entlassene Daniel H.) das Tötungsdelikt begangen habe, sei nichts mehr so gewesen wie vorher.

Trotzdem und obwohl die Geschäftsstelle in den medialen Informationsstrudel hineingerissen worden sei, habe sie es geschafft, weiter zu funktionieren. Doch an einem liess Geissmann keinen Zweifel: «Die Verunsicherung ist immens.» Täglich müssten ähnliche Entscheidungen getroffen werden wie bei Daniel H. Und diese Entscheidungen lasteten auf einzelnen Personen. Eine externe Supervision solle nun helfen, dies in den Griff zu bekommen.

Gleichzeitig gilt es aber, die vom Regierungsrat beschlossenen Sofortmassnahmen umzusetzen. Dabei geht es um eine engmaschigere Kontrolle der Klienten, ein strengeres Regime von Rückversetzungen in den Strafvollzug und häufigere Berichte an die Strafvollzugsbehörden. Betroffen sind bedingt entlassene Straftäter, die wegen eines Tötungs-, Sexual- oder anderer schwerer Gewaltdelikte verurteilt wurden.

Absolute Sicherheit gibt es nicht

Dabei entsteht laut Geissmann aber nicht nur ein Zielkonflikt mit der sozialen Arbeit zur Wiedereingliederung von Straftätern, die sich zur reinen Sicherheitsarbeit wandle. Die Massnahmen führten auch zu einem eklatanten Mehraufwand. Als Konsequenz habe man mittlerweile eine neue Stelle ausgeschrieben. «Die Öffentlichkeit verlangt absolute Sicherheit. Diese können wir aber nie garantieren», brachte Geissmann schliesslich auch das mit den Sofortmassnahmen verbundene grundsätzliche Dilemma auf den Punkt.

«Wissen nicht, wie es weitergeht»

Die Bewährungshilfe steckt aber noch in einem anderen Dilemma. «Wir wissen überhaupt nicht, wie es weitergeht», so Geissmann. Doch trotz Administrativuntersuchung und trotz dem im Grossen Rat überwiesenen Postulat, das ihre Eingliederung in die kantonale Verwaltung fordert, muss die Bewährungshilfe wie bis anhin weiter funktionieren.

Und das werde man auch, betonte Geissmann. Dennoch erscheint es fast paradox, dass die Generalversammlung am gleichen Abend entschied, eine weitere Aufgabe vom Kanton zu übernehmen. Denn dieser will die in den Massnahmen gegen häusliche Gewalt geforderte Beratungsstelle für Gewaltausübende bei der Bewährungshilfe angliedern. Dies folgt übrigens politischen Entscheiden, bei denen explizit Wert darauf gelegt wurde, keine neuen Verwaltungseinheiten zu schaffen.

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