Regula Vogt-Kohler

«Rate mal, wer dran ist» - als die 75-jährige Tessa Loretan (Name geändert) am 29. Mai 2009 einen Anruf mit dieser Ouvertüre erhielt, war es für sie keine Premiere. Schon mehrmals hatten sich Unbekannte in dieser Art bei ihr telefonisch gemeldet.

Sofort hatte sie Verdacht geschöpft, und als sich herausstellte, dass die ihr aufgetischte Geschichte reine Fiktion war, wandte sie sich an die Polizei. Zweimal wimmelte sie die Anrufer ab, beim vierten Mal spielte sie, unterstützt von der Polizei, mit.

Im Couvert, das sie einer sehr gepflegten jungen Dame mit hellblonden Haaren übergab, befanden sich nicht die verlangten 62 000 Franken, sondern lediglich kopierte Geldnoten. Kurz nach der Übergabe verhaftete die Polizei neben einem jugendlichen Komplizen eine 20-jährige Frau und einen 53-jährigen Mann, die sich nun vor dem Strafgericht wegen gewerbsmässigen Betrugs zu verantworten hatten.

Rentnerin hatte nie Angst

«Das war sehr mutig von Ihnen», sagte Gerichtspräsident Lukas Faesch zu Tessa Loretan, die als Zeugin aussagte. Nein, Angst habe sie nie gehabt, sagte die unerschrockene Rentnerin zur bz. Für alle Fälle habe sie für die Geldübergabe eine Krücke mitgenommen. Während es bei Tessa Loretan beim Versuch geblieben ist, fielen das Ehepaar X. und Frau Y. auf die betrügerischen Anrufer herein.

Die ganzen Ersparnisse hätten sie verloren, berichtete Frau X. als Zeugin unter Tränen. Ihr ganzes Leben habe sie dafür gearbeitet. Sie überreichten Anfang Februar 2009 einer ihnen unbekannten Frau die 45 000 Franken im Glauben, das Geld sei für eine Nichte bestimmt. Frau Y. war Ende März 2009 auf eine Unbekannte, die sich am Telefon als eine Freundin aus Holland ausgegeben hatte, hereingefallen und hatte einem Kurier 35 000 Franken übergeben.

Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob sie eine Entschädigungsforderung geltend mache, lachte die 76-Jährige: Ja, sie wolle das Geld zurück, «wenn Sie es finden».

Unbedingte Freiheitsstrafen

Das Strafgericht hat die beiden Angeklagten zu unbedingten Freiheitsstrafen verurteilt, die Frau wegen gewerbsmässigen Betrugs mit Beteiligung an zwei Fällen zu 22 Monaten, den Mann wegen versuchten Betrugs zu 20 Monaten. Im Fall von Frau Y. hat das Gericht die junge Angeklagte mangels Identifikation freigesprochen.

Die Ehegatten X. hatten bei einer Fotokonfrontation unabhängig voneinander die Angeklagte als der Täterin sehr ähnlich genannt. Die Staatsanwaltschaft hatte für die Frau 24 Monate, für den Mann 14 Monate gefordert, beides mit bedingtem Vollzug.

Diesen verweigerte das Gericht, weil es mangels legaler Zukunftsperspektive von einer schlechten Prognose ausging. Wegen Fluchtgefahr bleiben die beiden auch bei einer Appellation gegen das erstinstanzliche Urteil in Untersuchungshaft. Die Verteidigung, Sabine Asprion Stöcklin für die Frau, Georg Wohl für den Mann, hatte auf Freispruch respektive eine milde Bestrafung plädiert.

Hochprofessionelles Vorgehen

Die aus Polen stammenden Angeklagten machten über ihr Vorleben widersprüchliche Angaben. Das Gericht geht wegen des hochprofessionellen Vorgehens davon aus, dass die beiden einer Organisation angehören, die sich durch Betrug mit der Enkeltrick-Masche Geld verschafft.