Bauern wollen dem Bündner Bären an den Kragen

Fünf Schafe sind dem Braunbären in Graubünden bereits zum Opfer gefallen. Bauern und WWF fordern vom Bund mehr Geld für den Herdenschutz.

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Jessica Pfister

Zwei Jahre nach dem tragischen Ende von Braunbär «JJ3» hat das Bündnerland wieder einen Bären. Vor einer Woche das erste Mal im Münstertal gesichtet, sorgt dieser bereits für Aufregung. Insgesamt fünf Schafe hat das Wildtier gerissen, vier davon in der Nähe von Tarasp, in der Nacht auf Mittwoch ein weiteres im Val d’Uina.

«Ein Schaf hat er ganz aufgefressen, drei teilweise und eines hat er mit einem Prankenhieb getötet», bestätigt Wildbiologe Hannes Jenny vom Bündner Amt für Jagd und Fischerei. Der Bär sei deshalb aber noch kein Problembär. «Dies ist erst der Fall, wenn er sich ohne Scheu den Menschen nähert.»

Kritischste Zeit beginnt jetzt

Für die Bündner Bauern ist das Tier aber schon jetzt ein Ärgernis: «Die Bauern machen sich grosse Sorgen», sagt Hansjörg Hassler, Präsident des Bündner Bauernverbands. Denn ein totes Schaf sei nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein emotionaler Verlust, der mit Geld alleine nicht ersetzt werden könne. Zudem beginne mit der Sommersaison, welche die Schafe zum Teil ohne Schutz auf der Alp verbringen, nun die kritischste Zeit.

Die Schafherde bei Tarasp, die ebenfalls ohne Hirt und Herdenschutzhund auf der Alp weidete, wurde inzwischen ins Tal getrieben. Andere Bauern versuchen, ihre Herden so gut wie möglich mit Hirten und Hunden zu schützen. «Das Problem ist, dass der Herdenschutz erst im Aufbau ist», so Hassler. Bei den Hirtenschutzhunden brauche es zum Beispiel seine Zeit, bis das Tier richtig geschult sei.

Für Stefan Inderbitzin von WWF ist klar, dass die Bauern die Sömmerung von Schafen überdenken müssen: «In Zukunft wird es nicht mehr möglich sein, dass Schafe im Sommer unbewacht auf der Alp sind.» Doch für einen angemessenen Herdenschutz brauche es Geld. Der Bund stellt dafür dieses Jahr
830 000 Franken zur Verfügung. «Das reicht nicht aus», sagt Inderbitzin.

«Gemäss unseren Berechnungen müsste der Bund für einen optimalen Schutz rund eine Million Franken aufbringen.» Auch Bauernpräsident Hassler verlangt mehr Geld für die Bauern: «Wenn die Allgemeinheit den Bären in der Schweiz will, muss sie dafür zahlen.» Doch anstatt zu handeln und mehr Mittel zu sprechen, würden sich die Bundsämter um Verantwortlichkeiten und Kompetenzen streiten, wie Inderbitzin kritisiert.

Beim Bund war gestern niemand für eine Stellungnahme erreichbar. In einem Communiqué vom 9. Juni schrieb das Bundesamt für Umwelt (Bafu) aber: «Es braucht neue Lösungsansätze für den Herdenschutz.» Der Bundesrat habe deshalb das Bafu beauftragt, entsprechende Ideen auszuarbeiten. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe soll diesen Sommer ihre Arbeit aufnehmen. Für Hassler ist das zu spät. Für ihn ist klar: «Wenn der Bär noch weitere Schafe tötet, wollen die Bauern, dass der Kanton das Tier vertreibt oder beseitigt.»

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