Natur

Bauern wollen ans Geld der Naturschützer

Das Naturschutzgebiet von Pro Natura beim Zusammenfluss von Aare und Limmat.

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Das Naturschutzgebiet von Pro Natura beim Zusammenfluss von Aare und Limmat.

Die Bauern wollen den Kredit für das Programm Natur 2020 kürzen und stattdessen 1,5 Millionen mehr für sich. Das bringe dem Naturschutz am meisten, findet der Bauernverband. Die Naturschützer halten die Forderung für absurd.

Urs Moser

Ende Jahr läuft das Programm Natur 2010 aus. Die Regierung zieht ein positives Fazit und hat ein Anschlussprogramm in die Anhörung geschickt. Es sieht für die Jahre 2011 bis 2015 einen Kredit von netto knapp 10 Millionen vor, zusammen mit den zu erwartenden Bundesbeiträgen stünden gut 16 Millionen zur Förderung der Artenvielfalt und naturnaher Lebensräume zur Verfügung.

Die besten Naturschützer

Der Bauernverband greift nun mit einer kecken Forderung in die Naturschutzdiskussion ein: Man mache im Programm Natur 2020 ein Einsparungspotenzial von total 1,5 Millionen aus. Der Verband fordert, diese Summe sei zur Landwirtschaft umzulagern, zur Unterstützung von Bauern, die einen Vertrag zur ökologischen Bewirtschaftung ihres Landes abschliessen wollen.

Die Forderung wird nicht etwa als grundsätzliche Kritik am Programm Natur 2020 verstanden, sondern kühn damit begründet, dass der Naturschutz so am meisten profitiere. «Wir sind überzeugt, dass die grösste und kostengünstigste Wirkung zur Förderung der Biodiversität nach wie vor in der Landwirtschaft erzielt werden kann», schreibt Geschäftsführer Ralf Bucher.

Der Geschäftsführer von Pro Natura muss da leer schlucken. In der Tat hätten sich sehr viele Bauern voller Überzeugung dem Naturschutz verschrieben, anerkennt Johannes Jenny, die Forderung aus der Verbandszentrale sei aber schlicht absurd. Wo der Bauernverband im Naturprogramm aus dem Fenster geworfenes Geld ortet, sieht man bei Pro Natura dies erst als einen dringend benötigten Tropfen auf den heissen Stein, um die anvisierten Ziele zu erreichen.

Vorwürfe sind «Chabis»

Ein konkreter Streitpunkt: der Landerwerb durch den Kanton oder Pro Natura, zum Beispiel für Auenschutzgebiete. Der Bauernverband will die dafür vorgesehenen 320 000 Franken aus dem Programm streichen. «Bauernland gehört in Bauernhand», lautet seine Devise. Und was man strikt ablehnt: die vorgesehene Vollzugshilfe zur landschaftlichen Einpassung von Bauten ausserhalb der Bauzone.

Das und der Landerwerb führten nur zu Preistreiberei und Auflagen und Verteuerungen, die für die Landwirte nicht mehr tragbar seien, so Ralf Bucher. Der Vorwurf der Preistreiberei sei «Chabis», kontert Johannes Jenny. Die öffentliche Hand müsse Land erwerben können, um auch dort Naturschutz zu betreiben, wo er der Landwirtschaft nicht genehm sei, zum Beispiel eben für den Auenschutz.

Ist zu viel Geld vorhanden?

Oder da sind die 430000 Franken für die Aufwertung von Amphibienlaichgebieten, Magerwiesen, Flach- und Hochmooren, die der Bauernverband kürzen will. Das sei überhaupt nicht gegen den Naturschutz gerichtet, beteuert Ralf Bucher. Aber man habe – auch im Gespräch mit Experten – den Eindruck bekommen, dass manchmal fast zu viel Geld vorhanden zu sein scheint.

Er nennt ein Beispiel eines konkreten Falls. Da sei es um die Frage gegangen, ob man für eine Magerwiese Humus mit zu viel Nährstoff abtragen oder auf dem Boden viel Stickstoff entziehende Pflanzen säen soll, womit es natürlich viel länger bis zur Magerwiese gedauert hätte. Der Kanton habe auf die schnelle Variante gedrängt.

Dann sei die Frage gewesen, was mit dem abzutragenden Humus geschehen soll. Es sei nicht infrage gekommen, ihn auf Landwirtschaftsflächen in unmittelbarer Nähe zu verteilen, sondern man habe auf die Entsorgung auf einer Deponie bestanden. Dabei fallen natürlich nicht unerhebliche Deponiegebühren an, was für Ralf Bucher eine mehr oder weniger hanebüchene Geldverschwendung im Namen des Umweltschutzes ist.

Schlussfolgerung des Bauernverbands: Für eine kostenbewusste Umsetzung der Naturschutzmassnahmen braucht es vor allem eins: den Einbezug der landwirtschaftlichen Praxis.

Ein riskantes Spiel

Das mag für manche recht einleuchtend klingen. Dennoch hält auf der anderen Seite Johannes Jenny die Kürzungsforderung für nicht weniger hanebüchen. Da werde nun wirklich der Bock zum Gärtner gemacht. «Die Flach- und Hochmoore muss man revitalisieren, weil sie von der Landwirtschaft kaputt gemacht wurden.

Da wage ich doch zu bezweifeln, ob die Verantwortung dafür bei der Landwirtschaft am richtigen Ort ist.» Dass seine Forderungen auch mit einem gewissen Risiko behaftet sind – bei Pro Natura nennt man es einen Bärendienst an der Natur und an den Bauern selbst – räumt man sogar auf der Seite des Bauernverbands ein: Das Parlament könnte zwar Gefallen an den Kürzungsvorschlägen finden, aber nichts davon wissen wollen, dafür mehr Geld in die Landwirtschaft zu stecken.

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