Andreas Maurer

Schreie und Schüsse im Wettstein-Schulhaus. Schwer bewaffnete Polizisten stürmen über den Pausenplatz. Die Basler Polizei übt das Szenario «School Shooting»: ein Amoklauf in einer Schule. Bis jetzt hat sie sich erst in Kiesgruben auf diesen Ernstfall vorbereitet.

Für den Umgang mit dem relativ jungen Phänomen hat die Polizei gemeinsam mit dem Erziehungsdepartement einen Leitfaden erstellt. Basel-Stadt übernimmt dadurch in der Schweiz eine Pionierrolle - nicht weil die Basler Schüler besonders gefährlich sind. Polizeikommandant Gerhard Lips nennt die schmerzvollen Erfahrungen des Auslands als Beweggrund. «Es besteht keine latente Bedrohungssituation», ergänzt Hans Georg Signer, Bildungsleiter des Basler Erziehungsdepartements. Aber auch Basler Schulen sind mit Amokdrohungen konfrontiert. Signer spricht von «weniger als einer Hand voll» Fälle. Der erste tauchte vor zwei Jahren auf. Meistens wurden die Drohungen auf WC-Wände gekritzelt. «Wir haben jeweils sofort interveniert», berichtet er. Der Autor der Drohungen konnte jedoch nie ausfindig gemacht werden.

Das Ziel des neuen Leitfadens: «Die Schulen sollen keine Festungen werden, aber sich sehr klar gegenüber Drohungen verhalten.» Toleranz gegenüber Drohungen sei ebenso falsch wie Solidarität mit Drohern. Ernst zu nehmende Amokdrohungen müssen die Schulen bei der Polizei anzeigen. Gemäss Leitfaden sollen die Schulen zudem bei der Früherkennung möglicher Täter helfen. Signer setzt dabei aber auf Zurückhaltung: «Hätte die Schule immer die Täterdiagnostik vor Augen, könnte sich eine Unkultur der ständigen hysterischen Deutung des Verdachts breitmachen.» Stattdessen sollten sich die Schulen in erster Linie dafür bemühen, eine stabilisierende Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen. «Die Schulen haben ausdrücklich keine Ermittlungsaufgabe», betont Signer. Das neue Sicherheitskonzept gilt nur für die Oberstufe: «Amokläufe an Kindergarten und Primarschule sind höchst unwahrscheinlich.»

Übung stellt ein Risiko dar

Mit der gross angelegten Übung befindet sich die Polizei in einem Dilemma. Einerseits will sie sich auf den Ernstfall vorbereiten und Eltern über die Sicherheit ihrer Kinder informieren. Andererseits könnte die Aktion Nachahmer auf den Plan rufen. Die Übung im Basler Wettstein-Schulhaus ist aber sowieso eine Nummer zu gross, um geheim gehalten zu werden. Deshalb werden die Medienleute noch vor den Einsatzkräften an den Übungsort gerufen.

Diese Woche wird die Polizei jeden Morgen den Ernstfall im Wettstein-Schulhaus proben. Die «Amokläufe» finden zur Ferienzeit statt, da gemeinsame Übungen mit den Schülern laut Lips nicht sinnvoll wären: «Das wäre eine Überreaktion.» Zudem sei es auch gar nicht möglich, alle 20000 Schüler der 130 Basler Schulhäuser einzubinden. Mit der ersten Übung ist der Polizeikommandant grundsätzlich zufrieden: «Der Täter wurde schnell gefasst.» Nach rund einer halben Stunde knarzt es aus einem Funkgerät: «Das ganze Gebäude wurde gesäubert.»