Deborah Balmer

Gewalt von Frauen an Männern ist ein heikles Thema: Noch vor zwei, drei Jahren sei es vorgekommen, dass Männer von der Polizei ausgelacht wurden, wenn sie Hilfe suchten, weil ihre Frau sie schlägt, sagt André Müller. Er ist einer der beiden Leiter des ersten Väterhauses in der Schweiz, das sich an einem geheimen Ort in der Nähe von Aarau befindet.

Müller ist selber ein Betroffener: «Ich lebte in einer schlimmen Scheidung und habe starke psychische Gewalt erlebt - und meine damalige Frau hat mich sogar geohrfeigt.» Müller spricht also aus Erfahrung, wenn er sagt: «Frauen haben genau die gleichen Möglichkeiten häusliche Gewalt anzuwenden wie Männer. Auch zierliche Frauen können in der Wut eine enorme Kraft entwickeln.» Wenn Kinder da sind, trennen sich viele Männer nicht mehr so einfach. Trotz Ohrfeigen und Faustschlägen oder noch schlimmeren Misshandlungen.

Die Nachfrage im Väterhaus ist gross - um die Weihnachtszeit hat sich der 26-jährige Matthias L. aus dem Aargau samt zweijährigem Sohn hier einquartiert. Der Strassenbauer wurde von seiner Frau so misshandelt, dass er mit seinem kleinen Sohn flüchten musste. Auch ein zweiter Mann zieht wohl nächstens im Väterhaus ein. «Vorher will er aber noch Beweismittel sichern», so Müller. «Dann wird er hierher kommen.»

Elf weitere Männer hätten laut Müller seit der Eröffnung angerufen und gefragt, ob sie im Väterhaus Unterschlupf bekämen. «Wir prüfen jeden Fall - nehmen aber am Ende nur jene auf, bei denen wirklich Gewalt im Spiel ist und wo Väter ihre Kinder in Sicherheit bringen müssen.» Denn das Väterhaus will nicht dieselben Fehler machen wie früher die Frauenhäuser, «die einfach - ohne die Fälle zu prüfen - alle Hilfesuchenden aufgenommen haben».

Neben den Vätern, die Unterschlupf suchen, rufen auch viele an, die dringend einen Rat brauchen: «Bis zu zehn solcher Telefonate gehen pro Tag ein», sagt Müller.
Es sind Männer jeden Alters (der älteste bisher war 65 Jahre alt) und aus allen Gesellschaftsschichten. Sie stammen aus dem Kanton Zürich, aus Bern und natürlich auch aus dem Kanton Aargau. Viele wollen wissen, wie sie sich verhalten müssen, um später vor Gericht das Sorgerecht für die Kinder nicht zu verlieren.

«Sie wollen nicht einfach Zahlväter werden, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen», sagt André Müller. Frauen können brutal sein und nicht immer bekommt jener Elternteil die Obhut für den Nachwuchs, der diesem auch besser gesinnt ist. Und wenn die Mutter dem Vater das Besuchsrecht aus Rache verweigert, gehört das zu psychischer Gewalt. Oft würden Frauen, die gegen den Ehemann gewalttätig werden, später auch Gewalt gegen die Kinder anwenden, ist Müller überzeugt.

Sind das alles Frauenfeinde, die hier im Väterhaus Zuflucht und Hilfe finden? André Müller lacht leise. «Frauenfeinde vielleicht nicht, aber Feinde unseres Justizsystems vielleicht, das oft eher an die Frauen denkt», so Müller.

In der Küche in der Sechs-Zimmer-Wohnung im Väterhaus läuft schon seit einer Stunde der Geschirrspüler. Das Wohnzimmer ist nicht besonders schön, aber praktisch eingerichtet (die graue Polstergruppe hat der örtliche Frauenverein gespendet!). Im oberen Stock sind die Zimmer bereit - spärlich eingerichtet mit ein oder zwei Betten: Hier gibt es auch eine Spielecke für Kinder und in einem der Zimmer steht ein Wickeltisch parat.

Ein Viertel aller Opfer von häuslicher Gewalt seien laut Statistik Männer, erklärt Müller. Er erzählt von einem Paar, das gegen aussen harmonisch auftritt, bei dem in den eigenen vier Wänden aber Bügeleisen und Möbel durchs Haus fliegen würden, wenn die Frau wütend sei. Nur langsam ändere sich etwas am Tabu, das bis anhin in der Gesellschaft den Weg an die Oberfläche nicht gefunden habe. Die Zahl der prügelnden Frauen nehme zwar nicht zu, meint André Müller. «Aber jetzt bricht das Tabu langsam auf und die Zahlen kommen an die Oberfläche.» André Müller ist sicher, dass im Väterhaus schon sehr bald alle zwölf Betten besetzt sein werden.