Aviatik-Experte
Aviatik-Experte übt massive Kritik an Flugsperre

Fliegen oder nicht? Aviatik-Experte Max Ungricht will diese Frage den Fluglinien überlassen. Und er geht davon aus, dass auf den Bund Schadenersatzklagen zukommen könnten.

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Max Ungricht

Max Ungricht

Aargauer Zeitung

Beat Rechsteiner

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) hat die Flugsperre bis Dienstag um 8 Uhr verlängert. Herr Ungricht, ist das gerechtfertigt?
Max Ungricht: Aus meiner Sicht ist das eine Überreaktion. Die Behörden haben zu Beginn konsequent eine Flugsperre erlassen, nun wollen sie auf dieser Linie bleiben.

Es geht um Sicherheit - wieso also soll daseine Überreaktion sein?
Ungricht: Es gibt eine Gefährdung, die will ich nicht in Abrede stelle. Gestern verlautete aus Brüssel, dass NATO-Kampfjets nach Patrouillenflügen glasartige Rückstände in ihren Triebwerken aufwiesen. Und in Finnland gab es letzte Woche einen ähnlichen Fall. Dass der Luftraum über Nordeuropa gesperrt wird, ist also richtig. Bei uns hingegen ist die Luft schon so weit verdünnt, dass es keine Gefahr mehr gibt.

Die Behörden kommen zu einem ganz anderen Schluss.
Ungricht: Sie berufen sich nicht auf Fakten. BAZL-Chef Peter Müller hat juristisch wasserdicht gesagt, man habe nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Doch das entspricht nicht der Praxis, wie sie diese Behörde ansonsten pflegt. Das BAZL urteilt normalerweise nur nach Fakten. Jetzt sind es Meteorologen und Beamte, die entscheiden. Von Physikern aber gab es zunächst keine Messungen der Asche-Konzentration, die eine Flugsperre für die Schweiz rechtfertigen würden. Ich meine, dass in eine Gesamtbeurteilung auch die Sicht der Flugzeug- und Triebwerkhersteller und der Betreiber einfliessen muss.

Immerhin darf man über 6400 Meter fliegen. Was bedeutet das für den Flugverkehr?
Ungricht: Das bedeutet, dass die Schweiz überflogen werden kann. Start und Landungen sind aber nicht möglich.

Im Nachbarland Österreich sind die Flughäfen offen. Wieso darf man dort fliegen, aber hier nicht?
Ungricht: Die unterschiedliche Handhabung in Österreich und der Schweiz zeigt: Es handelt sich nicht um einen rationalen Beschluss, entschieden wurde aus dem Bauch heraus. Es gibt unterschiedliche Beurteilungen, deswegen gibt es beispielsweise in Osteuropa offene Flughäfen. Bei uns geht Sicherheit vor, allerdings handelt es sich dabei in erster Linie um eine versicherungstechnische Sicherheit.

Der Ärger bei den Fluggesellschaften wird immer grösser, Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber soll getobt haben.
Ungricht: Das ist verständlich. Die Lufthansa hat mit ihren Überführungsflügen nachgewiesen, dass es möglich ist, zu fliegen. Vielleicht muss man auf andere Flugkorridore ausweichen und flexibler sein in der Flugführung als gewöhnlich, doch es ist möglich. Deshalb bin ich dafür, dass die Verantwortung den Airlines übertragen wird, ob sie fliegen wollen oder nicht. Diese Fluglinien sind doch keine Hasardeure! Auch ihnen ist die Sicherheit oberstes Gebot. Es zeigt sich aber, dass sie die Lage anders einschätzen als die zuständigen Beamten.

Wieso kann man eigentlich nicht einfach unter der Wolke hindurch fliegen?
Ungricht: Erstens sieht man diese Wolken gar nicht, weil die Asche-Konzentration so gering ist. Zweitens ist das Fliegen auf tiefer Höhe nicht anzustreben. Niemand fühlt sich wohl, wenn nur 3000 Meter über ihm ein A-380 durchdonnert.

Wer soll eigentlich am Ende den ganzen Schaden, der für die Airlines durch das Grounding entsteht, bezahlen?
Ungricht: Das ist die grosse Frage. Die Airlines sind gegen solche Ereignisse nicht versichert. Die EU wird Fluggesellschaften in Nöten voraussichtlich Finanzhilfe zukommen lassen. Für die Schweiz gehe ich davon aus, dass auf den Bund Schadenersatzforderungen zukommen könnten, sollte sich die erlassene Flugsperre im Nachhinein als falscher Entscheid herausstellen. Aber nicht nur die Airlines sind vom Stopp betroffen. In der Wertschöpfungskette «Luftfahrt» machen die Fluggesellschaften nur einen kleinen Teil aus. Der Einfluss auf die gesamte Volkswirtschaft ist riesig.

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