Flug MH370
Aviatik-Experte: «Es gibt wohl Daten, die nicht veröffentlicht werden»

Aviatik-Experte Kurt Hofmann sagt, warum die malaysische Regierung Gewissheiten verkündet, ohne Beweise zu haben und erklärt, was passiert, wenn ein Flugzeug auf dem Wasser aufschlägt.

Karen Schärer
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Man hat noch keine Trümmerteile eindeutig dem Flugzeug zuordnen können. Warum ist sich die malaysische Regierung trotzdem sicher, dass das Flugzeug abgestürzt ist?

Kurt Hofmann*: Die malaysische Regierung ist vor allem vonseiten Chinas sehr stark unter Druck, Ergebnisse zu liefern. Nachdem nun Suchmannschaften der Australier, Japaner und Chinesen unabhängig voneinander im südlichen indischen Ozean mögliche Trümmerteile mit Bemalung wie sie die verschwundene Boeing 777 hatte, gesichtet haben, ist das einer der konkretesten Hinweise, dass die Maschine abgestürzt ist.

Die Regierung sprach am Montag auch von neu ausgewerteten Satellitendaten. Geben diese über die Absturzstelle Auskunft?

Der englische Satellit Inmarsat hat vom Flugzeug noch jede Stunde ein Signal empfangen – vermutlich, solange es in der Luft war. Die Firma hat nun aufgrund von den Satellitendaten und der Daten anderer Flugzeuge in der Umgebung ein Netz konstruiert und den ungefähren Standort weit draussen im Meer ausserhalb der australischen Westküste lokalisieren können.

In australische Verteidigungsminister sagt, man müsse zuerst den Heuhaufen finden, bevor man die Nadel im Heuhaufen suchen könne. Besonders präzise ist die Ortsangabe also nicht?

Nein, die Auswertung der Satellitendaten hat nicht die genaue Absturzstelle ergeben. Die gesichteten Trümmerteile waren 700 Kilometer verstreut. Die Strömung im Meer dort ist stark, es hat aktuell sehr hohen Wellengang. Die Teile driften bei schlechtem Wetter auseinander.

Wie geht es jetzt weiter?

Es ist wichtig, eines der Trümmerteile zu bergen, damit man sieht, ob es sich wirklich um die Reste der Boeing 777 der Malaysian Airlines handelt. Dies gäbe den Angehörigen tatsächlich Gewissheit. Dann ist es wichtig, den Flugschreiber zu bergen. Die Blackbox, die übrigens orange ist, sendet während 30 Tagen ein Signal. Aktuell bleiben 12 Tage Zeit, um sie zu bergen.

Bei der abgestürzten Maschine der Air France fand man die Blackbox nach zwei Jahren auf dem Meeresgrund.

Damals kannte man die Absturzstelle und konnte die Blackbox nach langem Suchen auch ohne Signale finden.

Wie nahe müssen Suchmannschaften an der Blackbox dran sein, um die Signale empfangen zu können?

Die Blackbox sendet aus 4000 bis 6000 Metern Meerestiefe, die Reichweite ist nicht extrem gross. Das heisst: Das Suchgebiet muss eingegrenzt sein.

Kann man die Erklärung dafür, warum das Flugzeug den Kurs geändert hat und schliesslich abgestürzt ist, in der Blackbox finden?

Das ist möglich. Zum Beispiel könnte man sehen, warum der Kurs geändert wurde, wer den Kurs geändert hat, ob die Änderung manuell eingegeben wurde, und so weiter.

Ein mögliches Szenario ist, dass dem Flugzeug vor dem Absturz der Treibstoff ausging. Was passiert dann?

Das Flugzeug geht in den Segelflug über, schlägt auf dem Wasser auf. Vielleicht kopfüber, vielleicht macht es eine Rolle. Dabei bleibt kein Flugzeug ganz, es zerbricht in viele Teile. Immerhin sieben Prozent der Boeing sind Verbundstoffe; diese Teile schwimmen, doch irgendwann werden auch manche davon untergehen. Zudem gibt es viele Teile der Kabine, welche ebenso schwimmen können.

Gibt es für die Hinterbliebenen Hoffnung, dass sie ihre Angehörigen beerdigen können?

Das kommt drauf an, ob man Leichen findet. Das Suchgebiet ist riesig. Haie oder andere Fische könnten menschliche Überreste fressen. Oder die Toten sind im Flugzeug eingeklemmt. Je länger die Suche dauert, desto schwieriger wird es, Leichen zu finden.

Wie ordnen Sie diesen Fall generell ein?

Die Geschichte ist bizarr. Wir bewegen uns ständig in einem riesigen Datennetz, verfügen über GPS und zig Satelliten – und dann verschwindet ein Riesending vom Radar und man findet es nicht. Ich habe die Vermutung, dass es Daten gibt, die nicht veröffentlicht werden. Gerade Australien verfügt eigentlich über eine starke militärische und zivile Radarüberwachung. So können wir uns nur mit Vermutungen herumschlagen.

*Kurt Hofmann ist Aviatik-Experte und Luftfahrt-Berater aus Österreich

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