Verdingkinder
Ausstellung über Verdingkinder: Blick auf ein düsteres Kapitel

«Entscheidend ist, im Wissen um die Verdingkinder, dass wir heute kritisch und mit offenen Augen ähnlich gelagerte Geschichten gänzlich verhindern» – so Regierungsrätin Susanne Hochuli anlässlich der Vernissage.

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Blick auf düsteres Kapitel

Blick auf düsteres Kapitel

Rosmarie Mehlin

Als die Ausstellung letztes Jahr in Bern, Lausanne und Basel Station gemacht hatte, zählte man über 50000 Besucher. Nimmt man die grosse Zahl Gäste, die am Mittwochabend die Vernissage besuchten, als Gradmesser, wird «Verdingkinder reden» auch in Baden viele anziehen. Und aufrütteln zum Hinschauen und Hinhören auf ein erschütterndes Kapitel Schweizer Geschichte. Niemand weiss, wie viele Kinder im 19. und 20. Jahrhundert ihren leiblichen Eltern weggenommen und gegen ein Kostgeld so genannt in Pflege gegeben, in Tat und Wahrheit aber zu einem grossen Teil regelrecht verschachert worden sind.

«Die Tatsache, dass der ‹Verkauf› eines Kindes nicht mehr toleriert wird, löst das Problem nicht, dass Familien in Situationen geraten können, in denen sie Unterstützung brauchen. Mein Departement ist daran, hierfür Angebote zu schaffen. Es ist einfacher, das Problem bei der Wurzel zu packen, als später zeit- und kostenintensiv und mit kleineren Erfolgsaussichten Reparaturmedizin zu betreiben», hielt Hochuli fest.

Opfer brechen ihr Schweigen

Die Ausstellung, die stellvertretend für den ganzen Kanton, bis zum 22. August in Baden zu sehen ist, wurde initiiert vom Verein «Geraubte Kindheit». Mit Texten, Bildern, Filmen, Exponaten und Tondokumenten zeichnet sie den Leidensweg von Buben und Mädchen nach, die mitten unter uns wie Sklaven gehalten wurden. «Wir zeigen das ohne Voyeurismus und haben alles daran gesetzt, zu vermeiden, dass einstige Opfer zu Objekten degradiert werden», so Vereinspräsident Basil Rogger.

Unter die Haut geht die Ausstellung vor allem, weil viele der damaligen Opfer ihre schmerzvolle Isolation überwunden und ihr jahrzehntelanges Schweigen gebrochen haben. Eines von ihnen, Rosmary Jud, hat zusammen mit dem Jodlerclub Altberg aus dem zürcherischen Hüttikon die Vernissage musikalisch liebevoll umrahmt. Ab Tonband ist sie wie andere in der Ausstellung zu hören: Schnörkellos, direkt und eindrücklich erzählen sie von ihrer Zeit als Verdingkinder. Rosmary Jud auch davon, dass Singen und Jodeln ihr damals geholfen hatten, das schier Unerträgliche und heute noch kaum Fassbare zu ertragen.

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