Aus der Not kommt sie zum Brot

Dunkel und ruhig ist es in dieser Nacht in Bleienbach. Und doch: An der Langenthalstrasse 54 lädt ein Licht den Besucher in Heidi Hürzelers Backstube ein. Das ganze Dorf schläft zwar selig, doch die Bauernsfrau ist bereits seit geraumer Zeit emsig am Backen.

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Solothurner Zeitung

Betty Ott

Zur Person

Heidi Hürzeler wurde 1940 in Herzogenbuchsee als Bauerntochter geboren. Sie ist gelernte Bäuerin und seit 1963 in Bleienbach wohnhaft. Hürzeler ist verwitwet und Mutter von zwei Buben und zwei Mädchen. Sie hat vier Enkelkinder. 2009 feiert sie das 20-jährige Bestehen der Backstube. Am 30. Oktober und 7. November gibt es zwei Tage der offenen Tür mit Einladung zu Kaffee und Kuchen. (bob)

«Am Donnerstag stelle ich die verschiedenen Mischungen in farbigen Becken bereit, denn gewöhnlich beginne ich um drei Uhr morgens mit dem Backen», sagt Heidi Hürzeler aus Bleienbach. «Wenn am Freitag in der Früh schliesslich die ersten Kunden kommen, freue ich mich jeweils sehr über das gelungene Werk.»

Heidi Hürzelers Backstube ist ein Geheimtipp, der mittlerweile gar nicht mehr so geheim ist. Von weit her darf die 69-Jährige auf treue Kundschaft zählen. Was vor 20 Jahren mit wenigen Broten begann, entwickelte sich zu einem eindrücklichen Sortiment. So hat sie 21 Brotsorten auf der Brotliste fein säuberlich in kalligrafischer Schrift aufgeführt. Vom Kartoffel- über das Rosen- bis zum Hirtenbrot ist auf dieser Liste einfach alles zu finden.

Geübt werden in der kleinen Backstube verschiedene Mehle und Getreide verarbeitet, Laibe geformt - und unter geschickten Händen entstehen liebliche Teigrosen. Man mag es der stillen und bescheidenen Hobbybäckerin glauben, wenn sie sagt, ein jedes Brot sei ein bisschen wie ein Kind für sie. Während die Teige ruhen, in den Öfen backen oder aufgehen, widmet sich die Bleienbacherin mit Herz und Seele dem bestellten Partybrot und dekoriert die Rüeblitorte, die am Wochenende eine Familie in Langenthal begeistern wird.

Bestellungen aus Mailand

Werbung hat Hürzeler bis anhin nie gemacht. Wer an einem Freitag durch Bleienbach fährt, wird von dem Schild «Jeden Freitag Bauernbrot» zum Halten animiert. Ist man einmal aus dem Auto gestiegen, gibt es kein Entrinnen mehr: Der Duft frischen Brots lockt die Menschen unweigerlich an. Hürzeler bedient Kunden aus Bleienbach und den umliegenden Ortschaften, aber auch aus Zürich und sogar aus Mailand. Der Italiener befand sich auf Geschäftsreise, tappte in die «Hürzeler Falle» und gibt seiner Lieblingsbäckerin seither telefonisch jeweils eine grosse Bestellung durch, bevor er in die Schweiz kommt. Heidi Hürzeler liebt den Kontakt mit den Kunden - und diese schätzen sie. Für alle hat sie ein offenes Ohr und gerade sie, die vor eigenen Schicksalsschlägen nicht verschont blieb, hat Verständnis für die Leiden und Nöte anderer. Besonders beliebt ist sie ebenfalls bei den Kindern - erhalten diese doch jeweils kostenlos ein Mütschli.

Den Tränen freien Lauf lassen

Nachdem Hürzeler nach Bleienbach geheiratet hat, fing sie mit dem Backen an. Allerdings vorerst nur für den Hausgebrauch. «Das Backen war mir ein Ausgleich zu der Arbeit auf dem Hof und mit den Kindern», sagt sie. Es berührt, wenn sie von ihrer kranken Tochter Monika erzählt. Sie war von Geburt an rund um die Uhr auf ihre Pflege angewiesen, und man spürt, wie schwer der Tod des damals vierjährigen Mädchens die ganze Familie traf. «Gerade auch in dieser schweren Zeit des Abschiednehmens half mir das Backen unendlich viel. Dort, in der Stille und Wärme der Küche, umhüllt vom feinen Duft frischen Brots konnte ich meinen Gedanken und manchmal auch meinen Tränen freien Lauf lassen. Heute würde man vermutlich zur Therapie gehen», sagt Hürzeler mit einem feinen Lächeln.

Das wurmt sie noch immer

Als ihr mittlerweile verstorbener Mann schwer erkrankte, musste eine Lösung gefunden werden. Sie wollte ihn nicht mehr alleine lassen und konnte so ihrer auswärtigen Arbeit nicht mehr nachgehen. Dennoch: Sie waren auf einen finanziellen Zustupf angewiesen. Hürzeler entschied sich, ihre Passion zum Nebenverdienst zu machen. Nur zwei Mal gab es in den letzten 20 Jahren kein Hürzeler Brot: Beide Male musste die 69-Jährige notfallmässig ins Spital. Dies, so Hürzeler, wurmt sie noch heute sehr. So ist ihr Wunsch ebenfalls verständlich, noch lange gesund bleiben zu dürfen, um für ihre Leute backen und ihrem Sohn Res auf dem Hof helfen zu können.

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