Pension
«Aufreibend, aber interessant»

Praktisch seit der Gründung der Kanti Limmattal 1973 war Max Ziegler als Lehrer dabei. Vor 14 Jahren wurde er zum Rektor gewählt. Ein Rück- und Vorausblick.

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Max Ziegler

Max Ziegler

Limmattaler Zeitung

Flavio Fuoli

Kürzlich durfte Max Ziegler, 65, seinen Nachfolger vorstellen, den 49-jährigen Werner de Luca. Max Ziegler war nach Franz Germann der zweite Rektor in der 36-jährigen Geschichte der Kantonsschule Limmattal. Der promovierte Festkörperphysiker hat die Kanti in Urdorf in einer Zeit der Veränderung übernommen, als die Maturitätsanerkennungsreform und die Teilautonomie der Schulen Tatsache wurden.

Herr Ziegler, Sie hatten immer ein Flair für Forschung und sind doch an der Kanti Limmattal hängengeblieben. Weshalb?

Max Ziegler: Richtig, ich habe immer auch mit anderem geliebäugelt und parallel zur Schule mich in anderen Bereichen engagiert. Zum Beispiel unterrichtete ich am Abendtechnikum, oder ich war Vizepräsident des Zürcher Gymnasiallehrerverbands, dort im pädagogischen Ausschuss tätig gewesen. Es war wertvoll, ich sah die Schule dabei von aussen.

Max Ziegler

Der promovierte Festkörperphysiker wird am 5. August 65 Jahre alt und geht als Rektor der Kantonsschule Limmattal in Urdorf in Pension. Der Urdorfer hat eine Frau und drei erwachsene Kinder. Mit einem Nachdiplomstudium liess er sich nach der Promotion in Physik pädagogisch-didaktisch weiterbilden. Das Lehramt machte ihm der Doktorvater schmackhaft, der ihn dafür begeisterte. In die 1973 eröffnete Kanti Limmattal kam er 1974, wo er die Fachschaft Physik aufbaute. Seit 1995 ist er Rektor der Schule. (fuo)

Was haben Sie da über die Kanti Limmattal erfahren?

Ziegler (lacht): Dass die Aussenwahrnehmung nicht der Innenwahrnehmung entspricht. Ich habe die Positionierung unserer Schule innerhalb der Zürcher Gymnasien erfahren und habe wertvolle bildungspolitische Fragen kennen gelernt.

Da war Ihr Weg als Rektor wohl schon gezeichnet.

Ziegler: Nicht zum Rektor, aber zu jemandem, der nicht eingleisig fährt. Es war nie meine Absicht, die Schule zu leiten. Ich kokettiere nicht, es gehört nicht zum Programm.

Wie sah Ihr Programm aus?

Ziegler: Ich war mit meiner Arbeit rundum zufrieden. Für die ETH machte ich im Bereich Physik die fachdidaktische Ausbildung angehender Physiklehrer. Ich durfte diese Ausbildung an der Kanti Limmattal betreiben. Das war hochinteressant. Ich lernte dort, auch Kritik einzustecken. Die Studenten waren zum Teil irrsinnig brutal mit ihren Beurteilungen, aber es führte zu Verbesserungen.

In welcher Hinsicht?

Ziegler: Beim Unterricht. Man musste den eigenen Unterricht hinterfragen. Die Diskussion mit den Studenten war sehr wertvoll.

Wann reifte der Entschluss, es als Rektor zu versuchen?

Ziegler: Ich hatte immer ein Flair für die Forschung. Meine Dissertation war ein richtiges Highlight. Mit 50 wollte ich aussteigen und in die Forschung gehen. Es war alles schon vorbereitet, doch durch einen kleinen Zufall konnte ich es nicht realisieren. Ich hätte in Amerika, in der Nähe von Washington am National Institute of Technology eine Forschungsarbeit durchführen sollen. An Stelle dieser Forschungsarbeit belegte ich dann Kurse zum Einsatz von Computern im Physikunterricht. Das hat mir Auftrieb gegeben, es an der Kanti Limmattal einzuführen. Die Mentalität der Amerikaner, etwas sofort anzupacken und nicht erst Machbarkeitsstudien durchzuführen, hat mir sehr gefallen.

Rektor sind Sie dennoch geworden. Wie kam das?

Ziegler: In den USA merkte ich, dass auch die didaktische Forschung Freude bereiten kann. Dann stand hier die Rektorwahl an. Da ging das Kandidatenkarussell los. Es bewarben sich Leute, von denen ich das Gefühl hatte, sie würden mich einengen. Ich wurde bearbeitet, den Posten anzunehmen. Ich ging nicht zuletzt darauf ein, weil in der Maturitätsanerkennungsreform die Naturwissenschaften an Boden verloren hatten.

Ab Oktober im Technorama

Ab Oktober wird Max Ziegler als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Technorama Winterthur tätig sein. «Das ist ein absoluter Hit», sagte er beim Interview mit der Limmattaler Zeitung. Er sei vergangene Woche der Belegschaft vorgestellt worden. «Das bedeutet ein wenig eine Fortsetzung meiner didaktischen Arbeit, die ich an der Kanti geleistet habe.» Nur werde das jetzt alles in einem grösseren Rahmen stattfinden. Vor allem wird Max Ziegler es mit einem breiteren Spektrum an Besuchern zu tun bekommen. «Das Technorama ist heute ein weltweit bekanntes, aussergewöhnliches Science Centre», so Ziegler. (fuo)

Sie haben gedacht, Gegensteuer geben zu können?

Ziegler: Ich habe mir geschworen, die Naturwissenschaften im Rahmen des Möglichen zu fördern. Als Rektor kann man mehr Einfluss nehmen denn als Lehrer. Unter anderem bot auch die neu eingeführte Teilautonomie der Schule mehr Gestaltungsfreiheit. Damit wurde die Konkurrenz zu anderen Gymnasien losgetreten. Ich wollte zeigen, dass das Landgymi hohe Qualitäten haben kann. Man hat uns zwar schon von Anfang an Strenge zugestanden. Ich habe jedoch den Slogan geprägt und versucht danach zu leben: «Streng, aber menschlich.»

Wird das auch von aussen so wahrgenommen?

Ziegler: Ja, aufgrund der Rückmeldungen Ehemaliger ist das mir gelungen. Zweitens wollte ich eine moderne, innovative Schule, die den Erwartungen der Bevölkerung und der Hochschulen weitgehend gerecht wird und die Veränderungen in der Gesellschaft berücksichtigt. Veranstaltungen wie die Technikwoche, der Techday oder ETH unterwegs haben zur Stärkung der Naturwissenschaften beigetragen. Am meisten Freude bereitet mir, dass ich während der Probezeit der Erstgymeler die phänomenologische Optik ein führen konnte. Das gibts es nur an diesem Gymnasium. Einzelne Eltern meldeten deswegen ihre Kinder hier an, um die Sprachlastigkeit in der Probezeit etwas zu korrigieren. Es gibt auch Sachen, die nicht gelungen sind.

Was ist Ihnen nicht gelungen?

Ziegler: Eine bessere Zusammenarbeit innerhalb des Lehrkörpers. Einiges wäre viel einfacher, wenn der Lehrkörper sich als Bildungsgruppe verstehen würde.

Wenn man von aussen reinschaut, dünkt einem, es gäbe schon ein paar eigenwillige Leute unter den Lehrkräften.

Ziegler: Es hat sogar einmal alt Nationalrat Bremi gesagt: Eine Schule leiten ist schwieriger als einen Industriebetrieb führen. Das war Balsam auf meine Seele. Es gibt unter den Lehrern unterschiedlichste Charaktere und Individualisten. Optimal wäre in einem Lehrerkollegium eine Haltung «Wir und unsere Schule» und weniger «Ich und meine Klasse». Man versteht sich noch zu wenig als Bildungsgruppe.

Wie haben sich die Schüler in 35 Jahren verändert?

Ziegler: Sie sind kritischer geworden, aber weniger belastbar, von der Schule her gesehen. Wenn ich denke, was wir früher von den Schülern erwartet haben . . . Sie sind jedoch in der Mehrzahl ebenso anständig wie früher. Kritisch sein ist nicht negativ, sie fragen ja aus Wissensgründen. Obwohl das immer bestritten wird, sind sie ebenso leistungswillig wie früher. Man muss sie nur abholen. Wenn ich an die Maturaarbeiten denke: Was da Einzelne leisten ist, sagenhaft. Wir hatten als Schüler auch nicht überall Begeisterung gezeigt.

Wann gibt es Probleme?

Ziegler: Probleme gibt es, wenn Lehrpersonen keine Grenzen und Massstäbe setzen. Ich habe eine sehr gute Meinung von meinen Schülern, obwohl ich ausserhalb des Unterrichts primär die «Problemfälle» in meinem Büro hatte. Aber diese Zahl hat nicht zugenommen. Insgesamt war meine Aufgabe aufreibend, aber interessant.

Was sagen Sie dazu, dass die Gymnasien bei der Aufnahmeprüfung bereits so etwas wie den Numerus clausus einführen und die Noten im Aufsatz künstlich tief halten?

Ziegler: Es wird ein viel zu grosses Geschrei darum gemacht. Die ZAP, die zentrale Aufnahmeprüfung, hat nicht viel geändert. Dass wir im kommenden Schuljahr drei Klassen mehr führen müssen als früher - was mich natürlich freut - hat wahrscheinlich etwas mit dem Gymnasium-Ranking und den Ehemaligenumfragen zu tun, aber sicher nicht mit ZAP. Es haben sich bei uns mehr Schüler gemeldet.

Was heisst das für die Schule?

Ziegler: Das gibt ein ungesundes Wachstum. Noch eine Klasse mehr hätten wir nicht mehr verkraftet, vor allem vom Lehrpersonal her.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft Ihrer Schule?

Ziegler: Dass sie innovativ und weiterhin offen bleibt für Neues und dass sie sich im Wettbewerb weiter behaupten kann. Und dass immer die Schüler im Zentrum aller Überlegungen stehen werden.

Wie stehts mit dem von Ihnen vorangetriebenen Bau der Aula, der auf der Wunschliste ganz oben steht?

Ziegler: Die kommt, wann, weiss man nicht so genau. Ohne Finanzkrise wäre man weiter. Aber sie muss kommen. Die Planung ist von der Schule her schon weit vorangeschritten.

Wagen Sie eine Prognose?

Ziegler: Optimistisch gerechnet, könnte sie im Jahr 2013 stehen.

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