Jugendgewalt

Auf «rote Flaggen» richtig reagieren

Was tun, damit Jugendliche nicht gewalttätig werden? Auf Warnsignale achten und in der Schule Gemeinschaft üben, sagt der Amok-Experte Frank Robertz.

Anna Moser

«Prügel-Schüler», «Schlägertrupp», «Gewaltrausch», «Mordversuch»: Nach den brutalen Attacken von drei Schülern aus Küsnacht gegen fünf unbeteiligte Passanten in München ist das Thema Jugendgewalt in aller Munde. Wird tatsächlich alles «immer schlimmer», wie der allgemeine Tenor lautet? «Nein», sagt Frank J. Robertz, Kriminologe, Sozialpädagoge und Leiter des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie in Berlin. Zumindest die Gewalt an Schulen sei - entgegen dem verbreiteten Eindruck - eher rückläufig.

Robertz referierte auf Einladung der Schule Hombrechtikon vor einem Kreis von Schulleitern, Lehrern, Behördenmitgliedern, (Schul-)Psychologen, Präventionsfachleuten und Mitarbeitern des Jugenddienstes der Kantonspolizei. Dabei wurde der Standpunkt des langjährigen Forschers klar: «Wir haben heute das Wissen, um Taten wie Amokläufe in Schulen zu vermeiden - bloss kümmern sich viele Schulen zu wenig darum.» Robertz fordert von diesen eine erhöhte Sensibilität, um auf Warnsignale für drohende Gewalttaten angemessen reagieren zu können.

Zeichnung vom geköpften Lehrer

Doch was sind solche Anzeichen oder «rote Flaggen», wie Frank Robertz sie nennt? Wer die Hoffnung auf eine «Checkliste» gehegt hatte, wurde vom Experten enttäuscht: «Eine solche Liste gibt es nicht.» Vielmehr müssten Lehrer - und nicht zuletzt Eltern - auf Veränderungen achten, auf Anzeichen für Gewaltfantasien, die sich etwa in Aufsätzen oder Skizzen äussern könnten.

«Wenn ein Jugendlicher immer wieder einen geköpften Lehrer zeichnet, sollte man ihn darauf ansprechen», so Robertz. Gerade bei Amoktätern würden sich die Gewaltfantasien langsam in die Realität einschleichen, bis es schliesslich zur Umsetzung komme. Entscheidend sei dabei das Gefühl des Jugendlichen, allein mit den eigenen Problemen zu sein und keine Zukunft zu sehen.
Die Schule zum «Lebensort» machen

Der Präventionsforscher liess keinen Zweifel daran, dass ein Verbot von Computerspielen mit Gewaltdarstellungen keine Lösung sei, um der Jugendgewalt beizukommen. An solchen «nichtssagenden Ideen» kranke die deutsche Politik seit den Amokläufen von Schülern in Erfurt (2002), Emsdetten (2006) und Winnenden (März 2009). Zwar seien so genannte Killerspiele durchaus infrage zu stellen, befand Robertz; doch werde kein unbescholtenes Kind dadurch plötzlich zum Gewalttäter. Umgekehrt hingegen würden sich Jugendliche, die bereits Gewaltfantasien hätten, an allen möglichen Darstellungen orientieren - nicht nur an Videogames, sondern auch an Filmen und Büchern: «In unserer Gesellschaft und Alltagskultur ist unglaublich viel Gewalt vorhanden.»

Fest steht für Robertz, dass Krisen im Familienleben die Gewaltbereitschaft eines Jugendlichen erhöhen können. Hier seien Schulen bis zu einem gewissen Grad machtlos: «Die Schule kann nicht im Elternhaus eines Kindes aufräumen.» Umso wichtiger sei es hingegen, «die Schule als Lebensort zu verstehen» - als einen Ort also, wo nicht bloss Lernstoff vermittelt wird, sondern wo Lehrpersonen sich als Persönlichkeit zeigen und Jugendliche zwar Normen und Werte einhalten müssen, aber auch Wertschätzung erfahren. So lasse sich ein Gemeinschaftsleben «üben», das manchen Jugendlichen zuhause fehle. In einem solchen Klima werde offener kommuniziert und Vorfälle wie eine Gewaltdrohung auf dem Pausenplatz blieben nicht im Dunkeln.

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