Brugg
Auf Kitzeln steht keine Gefängnisstrafe

Das Bezirksgericht Brugg hat einen 65 Jahre alten Mann vom Vorwurf der sexuellen Handlungen mit einem Kind freigesprochen. Ihm war vorgeworfen worden, zwischen 1992 und 1995 ein Pflegekind seiner Partnerin begrapscht zu haben.

Merken
Drucken
Teilen
Gericht

Gericht

Aargauer Zeitung

Louis Probst

«Verleumdung ist das», betonte der Angeklagte in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Franziska Roth. «Ich könnte doch klagen.» Geklagt hatte aber eine bald 30 Jahre alte Frau, ein ehemaliges Pflegekind der Partnerin des Angeklagten. Vor gut zwei Jahren hatte die Frau Anzeige erstattet und den Angeklagten beschuldigt, an ihr zwischen 1992 und 1995 regelmässig sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben, indem er sie begrapscht habe. Das Bezirksamt Brugg hatte den Angeklagten deswegen zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 90 Franken sowie zu einer Busse von 1500 Franken verurteilt. Weil sich der Angeklagte damit nicht abfinden wollte, hatte sich das Bezirksgericht mit dem Fall zu befassen.

Aussagen stehen gegen Aussagen

Vor Gericht blieb die Frau, die als Zeugin aussagte, bei ihren Anschuldigungen. Auf die Frage der Gerichtspräsidentin nach dem langen Zuwarten bis zur Anzeige erklärte die Zeugin – die, wie sie selber sagte, mit psychischen Problemen zu kämpfen hat: «Meine Pflegemutter meinte jeweils: ‹Der kitzelt dich doch bloss.›» Eine zweite Zeugin, die mit der Klägerin aufgewachsen ist, erklärte, dass sie keinen der Vorfälle bestätigen könne, die in der Anklage geltend gemacht würden.

«Weil der Sachverhalt nicht stimmt», entgegnete der Angeklagte auf die Frage nach dem Grund für die Einsprache. «Ich bin aus allen Wolken gefallen, als die Polizei aufgekreuzt ist.» Er machte geltend, dass die Klägerin seelischen Schwankungen unterworfen sei: «In diesen Phasen erfindet sie solche Aussagen.» Er räumte aber ein, das Kind gekitzelt zu haben.

Kein Hinweis auf Straftat

«Mein Mandant befindet sich in einer ungemütlichen Situation, weil er faktisch seine Unschuld beweisen muss», betonte der Verteidiger. «Die Konsequenzen für den Angeklagten sind erheblich.» Der Verteidiger zog die Glaubwürdigkeit der Klägerin in Zweifel und stellte fest: «Die Vorwürfe sind haltlos. Das Verfahren hätte von Anfang an eingestellt werden sollen.» Er beantragte nicht nur Freispruch seines Mandanten, sondern auch eine Genugtuungssumme von 500 Franken.

Das Gericht sprach den Angeklagten von Schuld und Strafe frei. In der Begründung des Urteils verwies die Vorsitzende auf die schwierige Biografie der Klägerin und deren schlechte psychische Verfassung. «Es gibt keinen Hinweis auf strafbare Handlungen», erklärte die Gerichtspräsidentin. «Daher muss ein Freispruch erfolgen.»