Linux

Auf Irrflug weg vom Fenster

Seit Jahren ist die Umstellung des Kantons weg von Microsoft auf das lizenzgebührenfreie System Linux im Kreuzfeuer. Nun hat sich die Finanzkontrolle eingeschaltet. Delikat: Die Regierung ist die Mutter der Strategie, doch kein Regierungsrat arbeitet mit dem System.

Marco Zwahlen

Kurt Bader, Chef des Amtes für Informatik und Organisation (AIO) hat nichts mehr zu sagen - zumindest gegen aussen. «Wir haben uns im gegenseitigen Einvernehmen darauf geeinigt, dass alle Anfragen zu Linux nun über das Departements-Sekretariat laufen», sagt Finanzdepartementssekretärin Heidi Pauli. Hintergrund ist ein Artikel der «Neuen Zürcher Zeitung».

Darin führt der AIO-Chef die Probleme bei der Umstellung auf das lizenzgebührenfreie Betriebssystem Linux auf eine gewisse Trägheit bei jenen zurück, die auf das System umstellen müssen. Sogar wenn der Bäcker keine Gipfeli mehr habe, werde das System mit dem Markenzeichen Pinguin beinahe dafür verantwortlich gemacht.

Ein Scherz, der bei den Kantonsangestellten schlecht ankam, wie Pauli bestätigt. Ebenfalls «im Einvernehmen» hat Bader in der Informatikgruppe Verwaltung nur noch beratende Funktion.

«Festung» Baudepartement

Ironischerweise manifestiert sich mit der neuen Sprachregelung ein wesentliches Problem von Linux: Die Kommunikationsfähigkeit mit der linuxfreien Aussenwelt. Auf Anfrage sprechen Departementscontroller zwar davon, dass einige Schwierigkeiten anwenderbedingt sind. Statt mit «word» «excel» und «outlook» müssen die Kantonsangestellten auf «writer», «calc» und «scalix» arbeiten.

Der Mensch ist aber ein Gewohnheitstier. Von den Controllern bestätigt werden aber auch systembedingte Probleme, insbesondere in Fachanwendungen. Solche sind auch der Grund, weshalb sich das Bau- und Justizdepartement bislang weigert, auf Linux umzustellen.

Allein das Amt für Umwelt arbeitet mit 30 linuxuntauglichen, teils mit ausserkantonalen Stellen vernetzten Programmen. Und wenn selbst als nicht kompliziert geltende, hochrangige Kantonsangestellte erklären, zu Hause am eigenen Computer effizienter als im Büro arbeiten zu können, dann stimmt was nicht.

Die Linux-Strategie der Regierung war 2001 vom Kantonsrat als «Sparprogramm» abgesegnet worden. Seither wird aus der Verwaltung immer wieder Kritik laut. Diese verpackte die SVP vor zwei Jahren in eine Interpellation im Kantonsrat. Sie fragte unter anderem nach einer Kostenanalyse, welche jedoch die Regierung als sinnlos erachtete.

Finanzkontrolle will Kostenanalyse

Die Bedeutung einer Kostenanalyse stuft nun die kantonale anders ein als die Regierung. Die Aufsichtsstelle hat sich nicht zuletzt deshalb eingeschaltet, weil viele Mitarbeiter des Kantons ihrem Ärger anonym auf einer eigens dafür eingerichteten Hompage Luft machen. Im Jahresbericht der Finanzkontrolle steht zu Linux vielsagend: «Hier bestehen möglicherweise Risiken, ..., insbesondere in den Bereichen des Datenaustausches und der Kommunikation mit externen Microsoft-Office-Anwendern sowie bei Fachanwendungen.»

Sprich: Dem Kanton könnte durch das selbstgepriesene Pionierprojekt - kein anderer Kanton setzt derart auf Linux - ein Inseldasein drohen. Er könnte im Zeitalter der Kommunikation und des Datenaustausches bald weg vom Fenster sein. Die zentrale Frage ist laut Peter Hard, Chef der Finanzkontrolle: «Soll wirklich alles auf Linux umgestellt werden oder macht es nicht Sinn, grundsätzlich zwei Plattformen einzusetzen und gewisse Bereiche auf der bisherigen Microsoft-Plattform laufen zu lassen?»

Mit Letzterem müssten wohl neue Microsoft-Programme angeschafft werden. Die alten sind seit mehreren Jahren nicht mehr aufdatiert worden. Übrigens: Die Aufsichtsstelle nimmt auch konstruktive Hinweise aus der Verwaltung entgegen. Für eine Gesamtbeurteilung entscheidend wird laut Hard nebst der Kostenanalyse das Gutachten zum Fall Kantonspolizei sein. Das Gutachten wird im Herbst erwartet.

Paradebeispiel Amt für Finanzen

Auch im Finanzdepartement ist man mittlerweile um Transparenz bemüht. Auslöser dafür sind primär eigene Erfahrungen. Auf Linux umgestellt hat das Amt für Finanzen (Afin). Im Gegensatz zu anderen Ämtern, die ebenfalls umgestellt haben, handelt es sich beim Afin um ein Schnittstellenamt. Alles was mit Finanzen zu tun hat, läuft dort zusammen.

Als Hauptproblem im Zuge der Umstellung nennt Afin-Chef Andreas Bühlmann «Reibungsverluste». Sprich: zusätzlichen Arbeitsaufwand. Dieser ergab sich beispielsweise bei der Verarbeitung der Globalbudgetdokumente, weil einige Amtsstellen mit der Microsoft-Anwendung ausfüllten und somit für das Afin nicht lesbar waren. Übrigens: Die Staatsrechnung wird mit der SAP-Unternehmenssoftware erstellt. Das wird laut Bühlmann auch so bleiben.

Das Beispiel Afin bestätigt zwar, dass bei einer kompletten Umstellung der gesamten kantonalen Verwaltung - voraussichtlich auf Ende Jahr - intern nicht mehr oder weniger Probleme bleiben, wie mit Microsoft-Produkten. Zu Ende gedacht heisst dies aber nichts anderes: Die «Reibungsverluste» mit der Welt ohne Linux bleiben. Verwaltungsintern kann der Kanton seine Anwendersysteme bestimmen, der Aussenwelt, mit der er vernetzt sein muss, jedoch nicht aufzwingen.

Gewisse Arbeiten werden also weiterhin nicht so effizient wie eigentlich möglich erledigt werden können. Oder: Es müssen linuxtaugliche Spezialprogramme geschrieben werden, was zu bestehenden lizenzpflichtigen Programmen ja wohl kaum eine Alternative sein kann.

«Pinguin» stinkt am Kopf zuerst

Zurzeit wird vielerorts mit Linux und der veralteten Microsoft-Plattform doppelspurig gefahren, so etwa im Bildungsdepartement. Begründung: Die die zentrale Datenbank Konsul für die Bearbeitung von Regierungsratsbeschlüssen ist noch nicht linuxtauglich ersetzt. Konsul ist die Datenbank, welche die Departemente am stärksten miteinander vernetzt.

In anderen Departementen dürfte es sich also gleich verhalten. Delikat ist: Von den Regierungsratsmitgliedern, die auf einem Computer arbeiten, und notabene allesamt 2007 die Linux-Strategie bestätigt haben, wendet keiner Linux an. Auch hier wird dies mit dem Konsul-Problem begründet. Das ist aber wohl mehr eine Ausrede. Wie heisst es so schön: Der Fisch respektive der Pinguin stinkt am Kopf zuerst.

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