Ausgrabungen Oberdorf
Auf den Spuren früherer Kulturen

Bei Bauarbeiten sind in Oberdorf überraschend Gebäudegrundrisse aus dem frühen Mittelalter entdeckt worden. Es könnte sich dabei um einen Herrenhof des Klosters Murbach handeln.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Otto Graf

Was Archäologen schon lange vermuten, scheint sich nun zu bestätigen: Im Gebiet «z'Hof» in Oberdorf stand tatsächlich einmal ein frühmittelalterlicher Herrenhof. Auf einem Baugrundstück an der Liedertswilerstrasse kamen überraschend Gebäudegrundrisse aus dem frühen Mittelalter zum Vorschein. An einer Medienorientierung im sumpfigen Lehm brachte Kantonsarchäologe Reto Marti, seit dem 1. Juli im Amt, Licht in den geheimnisvollen Untergrund und berichtete über die bisherigen Ergebnisse der Notgrabung.

«Wir graben dort, wo es eilt», sagte Marti. Und es eilt wirklich, denn die Arbeiten an der Überbauung können nicht über Gebühr verzögert werden. Seit dem 1. Juni sind sechs bis acht Personen unter der Leitung von Johannes Häusermann, der hier sein Prüfungsstück zum Archäologiestudium liefert, im Einsatz und tragen sorgfältig Schicht um Schicht ab. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, wurde anfänglich noch mit dem Bagger gearbeitet. Nun sind Handarbeit und ein gutes Auge gefragt. Oft sind es nur Bodenverfärbungen, die für den Archäologen aber höchst interessant sind.

Wie Marti ausführte, wisse man seit dem 19. Jahrhundert, dass hier einmal an bester Lage auf einer Geländeterrasse einst ein römischer Gutshof stand. Bei Erdarbeiten, unter anderem beim Strassenbau, wurden wiederholt Mauerstücke und Ziegel zutage gefördert. Neu hingegen ist die Erkenntnis, dass das gleiche Gelände auch in der nachrömischen Zeit besiedelt war. Eine Urkunde König Ludwigs II. aus dem Jahr 835 nach Christus beschreibt einen Gütertausch in Honoltesvilare (Onoldswil). Dabei tritt das elsässische Kloster Murbach acht seiner Gehöfte an einen privaten Grundherrn namens Hagilo ab, nimmt aber seinen grossen Herrenhof vom Tausch explizit aus.

Bemerkenswert, hob der Kantonsarchäologe hervor, sei die Tatsache, dass der Grabungsort in einem Gebiet mit dem heute noch gebräuchlichen Flurnamen «z'Hof» liegt.

Noch vieles im Dunkeln

Die neu entdeckte Siedlung, fuhr er fort, gehöre in die sogenannten «dark ages». Was damals in der Region geschehen ist, habe man fast nur aufgrund der archäologischen Grabungen erfahren. Schriftliche Belege seien extrem selten. Im Falle von Oberdorf existiere aber tatsächlich eine schriftliche Quelle in Form der erwähnten Königsurkunde. Verschiedene Funde auf dem rund 1500 Quadratmeter messenden Areal, etwa Gewichte von Webstühlen und Münzen, verweisen ebenfalls auf das frühe Mittelalter. Keramikstücke zeigten eindeutig, dass die Gegenstände aus diesem Material aus dem Elsass importiert wurden.

Obwohl in Oberdorf noch vieles im Dunkeln liege, seien gewisse Parallelen mit anderen Fundstellen mit einem Bezug zum Kloster Murbach feststellbar, so in Lausen und in Pratteln. Der Kantonsarchäologe erhofft sich von den Grabungen im Waldenburgertal nicht nur wertvolle Informationen zur Lebensweise der Bevölkerung in der Region vor rund 1200 Jahren, sondern auch zur Besiedlungs-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der damaligen Zeit.

Noch sind die Überreste römischer und frühmittelalterlicher Bauten zu sehen. Bald jedoch fahren die Bagger auf, um das Terrain für eine neuzeitliche Überbauung herzurichten.

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