«Auch die Details geben zu reden»

Für Stadtingenieur François Aellen gibt es keine hässlichen Plätze in Zürich – nur solche, deren Potenzial nicht ausgeschöpft ist.

Drucken
Teilen
Aellen_dsc.jpg

Aellen_dsc.jpg

Aargauer Zeitung

Thomas Marth

Herr Aellen, was macht aus Ihrer Sicht einen guten Platz aus?
François Aellen: Eigentlich zählt nur eins: Er muss von den Leuten in Beschlag genommen werden. Unsere Aufgabe ist es daher, eine gute Aufenthaltsqualität zu schaffen - wobei ein Platz für die Zukunft gestaltbar bleiben soll. Wichtig ist es, die Bevölkerung einzubeziehen, wenn Dinge geändert oder eine Neugestaltung vorgenommen werden soll.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?
Aellen: Das kommt ganz auf meine Stimmung an. Ich freue mich sehr auf den neuen Sechseläutenplatz, der nach dem Bau des unterirdischen Opernhaus-Parkhauses hergerichtet werden kann. Ich bin sicher, er wird funktionieren und gut ankommen. Ein wunderschöner Platz ist natürlich der Lindenhof, wenn man einfach etwas sitzen oder lesen möchte. Einen ganz schönen Platz finde ich auch den vor einigen Jahren entstandenen Wipkingerpark neben der Hardbrücke - Sitztreppen bieten hier einen attraktiven Zugang zur Limmat, und sie werden auch gut genutzt. Ein Platz, der mir auch sehr lieb ist, ist der Idaplatz - ein typischer Quartierplatz, chaussiert und mit Restaurants rundherum. Und ganz schön wird sicher auch der Münsterhof, den wir nach erfolgter Aufhebung der Parkfelder behutsam umgestalten werden.

Welchen Platz in der Stadt Zürich finden Sie den hässlichsten?
Aellen: Von «hässlich» möchte ich nicht sprechen. Aber es gibt sicher Plätze mit Aufwertungspotenzial. Dass es nicht ausgeschöpft werden kann, liegt in der Regel daran, dass an diesem Ort viel Verkehr fliesst. Nehmen Sie den Bürkliplatz - eine grosse Verkehrsmaschine. Mit dem Markt, der regelmässig dort stattfindet, ist er zwar kein hässlicher Platz, aber solange der Zugang zum Wasser durch eine der am höchsten belasteten Verkehrsachsen der Stadt abgeschnitten wird, ist sein Potenzial nicht ausgeschöpft. Ein anderes Beispiel ist der Utoquai im Bereich der Riviera.

Der Verkehr liesse sich beseitigen, indem man ihn in den Untergrund verbannen würde. Eine Option?
Aellen: Generell ist festzuhalten, dass der Verkehr ein Teil städtischen Lebens ist. Somit ist er in einem gewissen Ausmass auch zu akzeptieren. Untertunnellungen zur Entlastung von Plätzen erachten wir als viel zu teuer und unrealistisch.

Auch beim Heimplatz? Architekt David Chipperfield hat doch in seinem Siegerprojekt für den Kunsthaus-Anbau die Umgebung gleich autofrei gestaltet.
Aellen: Das war aber nicht Teil des Wettbewerbs und somit höchstens eine Anregung - wobei wir diese Überlegung schon auch gemacht haben. Wir kamen zum Schluss, dass eine solche Lösung auch wegen der hohen Dichte an öffentlichem Verkehr an diesem Ort nicht infrage kommen kann. Wir glauben aber, dass wir unter anderem mit der Verschiebung von Parkplätzen ab der Mittelinsel eine gute Platzgestaltung erreichen können. Noch kurz zur Frage von vorher: Nach der Sperrung des Limmatquais und mit der Aufhebung der Münsterhof-Parkplätze gibt es auf dem Utoquai in Richtung Bellevue deutlich weniger Verkehr. Das eröffnet neue Möglichkeiten für eine attraktive Gestaltung im Bereich von Riviera und Restaurant Terrasse mit einem besseren Zugang zur Limmat.

Zürichs Plätze

Nicht nur Gebäude, auch Plätze geben Ortschaften ein Gesicht. In der Stadt Zürich gibt es nicht weniger als 85 Plätze - laufend entstehen neue, bestehende werden umgestaltet. So erhält die Stadt mit dem neuen Sechseläutenplatz den grössten Platz der Schweiz. Grund genug, Zürichs Plätze zum Thema einer im Wochenrhythmus erscheinenden Sommerserie zu machen. Zum Auftakt ein einordnendes Interview mit dem Zürcher Stadtingenieur François Aellen. Die weiteren Beiträge: lauschige Plätze, projektierte Plätze, historische Plätze, realisierte neue Plätze. (liz)

Die Kombination Platz - Gewässer ist eine Spezialität der Stadt Zürich.
Aellen: Die publikumsfreundlichen Zugänge zum Wasser, die in den letzten Jahren entstanden sind oder verbessert wurden, werden natürlich vor allem im Sommer sehr geschätzt. Beispiele sind der bereits erwähnte Wipkingerpark, der obere Letten oder die neue Treppe zur Sihl bei der Gessnerallee. Ein weiterer attraktiver Zugang zur Sihl wird mit der entstehenden Europa-Allee im Bereich Sihlpost/Hauptbahnhof eingerichtet werden. Er bildet den östlichen Abschluss des neuen Le-Corbusier-Platzes. Mit der bereits bestehenden Velostation Süd, der noch im Bau befindlichen Pädagogischen Hochschule in der unmittelbaren Nachbarschaft und gesäumt von Restaurants wird er ein sehr lebendiger Ort sein.

Die grossen repräsentativen Plätze, wie man sie in anderen Städten findet, sucht man in Zürich dafür vergeblich.
Aellen: Dass Zürich punkto Lebensqualität weltweit vorne liegt, hat auch mit seinen Plätzen zu tun. 85 Orte in der Stadt tragen den Namensbestandteil «Platz». Rund zehn Prozent der Stadtfläche, gut 8,5 Hektaren, sind öffentlicher Raum - das ist viel im Vergleich mit anderen Städten. Dass grosse repräsentativen Plätze fehlen, ist eine Folge der Geschichte. Mangels Monarchie gab es kein Bedürfnis nach Orten, die für Paraden taugten.

Was bedeutet das für das moderne Zürich?
Aellen: Der Reiz der Stadt liegt auch in der Vielzahl kleinerer Plätze in den Quartieren. Hier sind wir dauernd gefordert, sich bietende Chancen für Verbesserungen zu ergreifen - aktuell zum Beispiel am Bullinger-Platz, der mit der Eröffnung der Zürcher Westumfahrung eine grosse Verkehrsreduktion erfahren hat.

Kurz zurück zur Frage nach den hässlichsten Plätzen. Warum haben Sie den Escher-Wyss-Platz nicht erwähnt?
Aellen: Seine Lage unter der Hardbrücke ist sicher speziell. Aber ich finde ihn nicht hässlich. Er ist ein sehr städtischer, lebendiger Ort. Die im Bau befindliche neue Tramlinie, die hier Richtung Schiffbau abzweigt, die vorgesehene neue Beleuchtung im Rahmen des «Plan Lumière», die der Brücke von ihrer Schwere nimmt, der Bau der zwei neuen Gebäude unter der Brücke im Rahmen des Projekts «Nagelhaus» - all diese Massnahmen werden dafür sorgen, dass der Escher-Wyss-Platz erst recht ein wichtiger Bestand dieses pulsierenden Quartiers sein wird.

Die Beschwerdelust ist in Zürich gross. Bei der Gestaltung von Plätzen scheinen Sie aber frei schalten und walten zu können.
Aellen: Beim Tessinerplatz war der Umbau über zehn Jahre lang durch Einsprachen blockiert. Wobei nicht nur Beschwerden Zeit beanspruchen, auch die Mitgestaltung ist je nach Quartier sehr gross. So haben wir für die Umgestaltung des Lindenplatzes aufwändige Workshop-Verfahren mit der Quartierbevölkerung durchgeführt.

Beim Tessinerplatz wurde gegen die Verlegung der Tramgleise geklagt, nicht gegen das Muster des Belags oder die neue Beleuchtung.
Aellen: Das wird vielleicht weniger wahrgenommen, aber auch in den Details kann es lange Diskussionen geben. Die Themen reichen von der Beschaffenheit der Sitzbänke bis zur Durchgängigkeit für die Reinigungsfahrzeuge, woran schon so manche kreative Idee gescheitert ist. Bei grossen Vorhaben entscheidet das Parlament direkt mit oder - wie beim Sechseläutenplatz - auch das Volk.

Aktuelle Nachrichten