Urs Byland

Boris Banga, was beeindruckte Sie im vergangenen Jahr in Grenchen am stärksten?

Boris Banga: Wie schnell und überfallmässig die Krise gerade in der Maschinenindustrie gekommen ist.

Der Gemeinderat hat eine Million Franken für Bürgschaften an Firmen in Not gesprochen. Wurde dieses Instrument genutzt?

Banga: Ja, ein Geschäft ging bereits über die Bühne.

Wo steht Grenchen konkret?

Banga: Das ist schwierig zu beurteilen. Es gibt nicht nur Unterschiede nach Branchen, es hat auch innerhalb der Branchen Unterschiede. Beispiel Uhrenindustrie: Einige Betriebe florieren wie noch nie, andere melden Probleme. Die wirtschaftliche Lage ist vom Produkt abhängig und vom Markt. Grundsätzlich stelle ich aber in der Grenchner Exportindustrie wieder erfreuliche Zeichen fest.

Die Arbeitslosenquote verharrt in Grenchen auf einem hohen Wert.

Banga: Weil wir eben von der Exportindustrie abhängig sind. Dasselbe Bild mit traditionell hohen Arbeitslosenquoten in Wirtschaftskrisen zeigt sich etwa auch in Winterthur, ebenfalls eine Stadt, die von der Exportwirtschaft lebt. Wenn Gemeinden vorwiegend Landwirte haben wie in der Innerschweiz, dann kennt man auch keine hohe Arbeitslosenquote.

Welches ist der Lichtblick in der Krise?

Banga: Wir haben noch keinen Betrieb, der gross Arbeitskräfte entlassen musste.

Was kann Grenchen gegen die Krise tun?

Banga: Was wir in den letzten zwanzig Jahren taten. Disversifizieren und das Fundament verbreitern. Betriebe aus verschiedenen Branchen nach Grenchen bringen. Wir müssen aber auch in die Bildung investieren. Je besser die Ausbildung der Leute ist, desto weniger laufen sie Gefahr, arbeitslos zu werden.

Die gut ausgebildeten Leute werden aber in zwanzig Jahren nicht mehr in Grenchen leben.

Banga: Man muss sehen: Wir waren in den letzten zwanzig Jahren recht erfolgreich in der Wirtschaftsförderung. Aber der Wirtschaftsstandort steht und fällt mit der Verfügbarkeit der qualifizierten Arbeitskräfte. Wir hatten letztes Jahr etliche Betriebe, die nicht expandieren konnten, weil die gut ausgebildeten Arbeitskräfte fehlten. Deshalb haben wir in den letzten vier, fünf Jahren in die Attraktivierung des Wohnstandortes investiert. Die guten Arbeitskräfte haben wir nur, wenn sie schlussendlich auch hier wohnen. Deshalb die Anstrengungen für den Wohnstandort Grenchen, mit denen wir vielleicht etwas zu spät begannen.

Nicht zu spät kamen in diesem Jahr zwei präsidiale Anweisungen: sich auf mögliche Amokläufe vorbereiten und Burka-Trägerinnen nicht an den Schaltern im Stadthaus zu bedienen. Andere Gemeinden kennen diese Problematiken auch und handeln, aber ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Warum macht dies Boris Banga?

Banga: Es gibt Dinge, von denen die Öffentlichkeit erfahren soll.

Warum?

Banga: Weil sie eine abschreckende Wirkung erzeugen. Denken Sie an unsere Sozialabschiebefälle. Das haben wir aktiv kommuniziert.

Gleichzeitig geraten Sie in den Verdacht, populistisch zu sein, um der SVP zuvorzukommen.

Banga: Ja, ich weiss, man kann machen, was man will ... Ich erinnere an die Kopftuchsache. Damals ging es mir einzig darum, dass die Kinder in der Schule nicht ausgegrenzt werden. Das war vor fünf Jahren. Wenn damals die SP Schweiz etwas hellhöriger gewesen wäre, würde es heute vielleicht anders aussehen.

Geprüft werden soll erneut eine Zusammenarbeit der verschiedenen Notfalldienste.

Banga: Da bin ich erst mal glücklich, dass wir Ruhe bei den Stadtpolizeien herstellen konnten. Mit Ausnahme von Solothurn, Olten und Grenchen besteht ja eine Einheitspolizei! Andererseits haben wir Probleme beim Ambulanz- und Rettungsdienst, weil die Kosten steigen und steigen.

Die Schere geht auseinander.

Banga: Ja, und dazu muss ich einfach sagen: Solothurn und Olten zahlen nichts für diese Dienstleistung. Auch aus diesem Grund sehe ich nicht ein, weshalb wir uns an den Zentrumslasten von Solothurn beteiligen sollten.

Das heisst, die Grenchner müssen mit höheren Kosten für den Rettungsdienst leben, und die Politik soll zusätzliche Gelder generieren?

Banga: Der Kanton zahlt bereits einen Beitrag. Wir sind gefordert, Synergien zu finden. Die Frage stellt sich zum Beispiel, soll man nicht den Ambulanzdienst mit der Feuerwehr und allenfalls mit dem Zivilschutz verheiraten.

Ein weiteres heisses Eisen ist die Triennale. Wie gefährdet ist der Anlass?

Banga: Dazu muss ich sagen: ich wusste nicht, welchen Aufwand für diesen Anlass die öffentliche Hand leistet. Ich spreche nicht von den Finanzen, sondern von personellen Ressourcen. Ich wusste nicht, dass jemand von der Verwaltung praktisch ein Jahr lang nur für die Triennale arbeitet. Da staune ich schon, wenn ich höre, die Stadt müsse sich noch mehr zur Triennale bekennen. Früher lebte die Triennale von der Freiwilligenarbeit und davon, dass sie im Herzen der Stadt stattfand.

Heute wird sie am Rand der Stadt organisiert. Wie soll es weiter gehen?

Banga: Es gab weniger Aussteller, die Resonanz war gering und auch die Besucherzahl blieb hinter den Erwartungen zurück. Was ist noch grenchnerisch an der Triennale, wenn sie an der Peripherie stattfindet?

Also wie weiter?

Banga: Der Wunsch ist es, die Triennale dorthin zurückzuführen, wo sie einmal war. Die Situation ist ähnlich wie bei der Internationalen Musikwoche. Wenn massgebliche Leute Adieu sagen, dann muss man tief Luft holen, will man den Anlass neu lancieren.

Ein Highlight war die Wiedereröffnung des Kultur-Historischen Museums.

Banga: Ich finde diese Institution etwas vom Wesentlichsten für Grenchen, und ich wende jedes Jahr mehr dafür Zeit auf. Die Institution hat etwas mit dem Selbstverständnis und dem Stolz der Leute für ihren Ort zu tun. Es muss nicht immer Barock sein. Man kann auch stolz auf eine Industriegeschichte sein, die weiter geht und nicht einfach vor sich hin bröckelt.

Fehlt nur noch das Vaporama?

Banga: Ja, das würde mich reizen. Wir werden nächstens einen Grundsatzentscheid in der Behörde diesbezüglich verlangen. Nochmals zurück zur Industriegeschichte. Ich habe sehr gute Beziehungen nicht nur zu den Grenchner Firmen sondern auch zu den Familien, die früher Firmen besassen. Und ich will dieses Gut aus der Grenchner Industriegeschichte für Grenchen retten. Die Schenkung der Heimatsammlung von Hans Kohler war ein erster Schritt.

Die Industriegeschichte als Anziehungspunkt Grenchens?

Banga: Wir haben ein Museum im ZeitZentrum, die leider nicht öffentliche ETA-Sammlung und das Kultur-Historische Museum. Denkt man das Vaporama dazu, das wäre Wahnsinn. Auch wenn man als Politiker verstaubt erscheinen mag. Beispiele wie der Autobahnanschluss, die Neckarsulmstrasse, der Neubau der Post zeigen: das, woran man glaubt, das kommt auch.