Dialog: Jobangst führt zu Selbsthilfe-Boom

Arbeitslose rennen Selbsthilfegruppen die Türen ein

DIG Film, "About A Boy oder: Der Tag der toten Ente",

Jobangst führt zu Selbsthilfe-Boom

DIG Film, "About A Boy oder: Der Tag der toten Ente",

Es ist ein schweizweiter Trend: Immer mehr Leute besuchen Selbsthilfegruppen. Nun will der Bund die Selbsthilfe finanziell unterstützen.

Karen Schärer

«Die Situation auf dem Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr hat unsere Arbeit im ‹Selbsthilfecenter› in Zürich beeinflusst: Letztes Jahr tauchten besonders häufig existenzielle Themen auf», sagt Désirée Kellner, stellvertretende Geschäftsleiterin des Selbsthilfezentrums. Überdurchschnittlich viele Anfragen hätten Themen wie Angst und Panik, Sucht und Trauma betroffen.

So viele wie noch nie

Gleichzeitig fanden sich unter den Ratsuchenden auch mehr Leute, die den Schritt wagten, mit Unterstützung des Zentrums eine eigene Gruppe zu gründen. So wurden im Selbsthilfezentrum im Jahr 2009 so viele neue Gruppen gegründet wie noch nie.

Neue Gruppen gibt es jedes Jahr auch im Aargau. «Gleichzeitig gibt es aber auch Gruppen, die sich nach einigen Jahren wieder auflösen. Von einem stetigen Anstieg der Anzahl Selbsthilfegruppen können wir daher nicht sprechen», sagt Linda Häfeli von der zentralen Beratungsstelle «SelbsthilfeZentrum Aargau».

In Beratungsstellen anderer Kantone will man den Zürcher Trend – mehr Gruppen, viele Anfragen im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise – ebenfalls nicht bekräftigen. Dazu fehlt die Datengrundlage.

2000 verschiedene Gruppen

Dass der «Zustand der Gesellschaft» – also etwa eine Rezession – die Nachfrage nach bestimmten Hilfsangeboten beeinflusst, bestätigt aber auch Rosmarie Lötscher, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Kosch, welche Selbsthilfegruppen koordiniert und fördert. Lötscher hat den Überblick über die Selbsthilfegruppen in der Schweiz: «Die Zahl der Gruppen stagniert nicht gerade, aber das Wachstum ist insgesamt langsam», stellt Lötscher fest.

Das Angebot ist aber riesig: Es gibt aktuell rund 2000 Gruppen zu etwa 450 verschiedenen Themen. Braucht es da überhaupt noch weitere Gruppen? «Ja, durchaus», sagt Lötscher. «Es gibt neue Themen und neue Krankheiten, zu denen es noch überhaupt keine Gruppen gibt.» Ein Beispiel: Kürzlich suchte jemand eine Gruppe für von Impotenz betroffene Männer – eine derartige Gruppe existiert aber nicht.

«Image besser geworden»

In den letzten paar Jahren sei die Nachfrage nach Selbsthilfegruppen deutlich gestiegen, hat Lötscher beobachtet. «Das Image der Selbsthilfegruppe ist besser geworden. Damit haben die Leute sich dem Angebot gegenüber mehr geöffnet, insbesondere auch die Männer.»

Studien haben nachgewiesen, dass Selbsthilfegruppen den Betroffenen einen Nutzen bringen. Auch beim Bund geniesst die Selbsthilfe einen hohen Stellenwert: «Wir erachten Selbsthilfegruppen als sehr wichtig», sagt Salome von Greyerz, Projektleiterin Präventionsgesetz im Bundesamt für Gesundheit.

«Stossen an Grenzen»

«Die Betroffenen erhalten Tipps und Tricks für den Umgang mit ihrer Krankheit, die ein Arzt nicht leisten kann. In komplexen Fällen stossen Selbsthilfegruppen jedoch an ihre Grenzen. Hier ist professionelle Betreuung unumgänglich, wobei die Selbsthilfe jedoch eine Ergänzung sein kann.»

Im Präventionsgesetz, welches im September in der Gesundheitskommission des Nationalrats in Beratung ist, sind Finanzhilfen für die Förderung von Selbsthilfegruppen vorgesehen, was die Selbsthilfe-Akteure natürlich freut: «Eine finanzielle Zuwendung des Bundes ist aufgrund der knappen Mittel sehr willkommen», sagt Lötscher.

Meistgesehen

Artboard 1