Louis Probst

«Seltsam», sagt die Dame nachdenklich, «seltsam.» Was sie damit meint, sei dahingestellt, seltsam jedenfalls ist die Stimmung im Schloss Wildenstein. Zum ersten Mal seit langem – abgesehen von einer Serenade, für die vor einiger Zeit der Schlosshof für die Öffentlichkeit geöffnet worden war – bietet sich die Gelegenheit, einen Blick hinter die Mauern des Schlosses zu werfen. Möglich geworden ist das durchs Konkursamt. Das Schloss kommt am 14. September unter den Hammer.

Käufer und «Sehleute»

Und so streifen potenzielle Käufer und «Sehleute» durch die Räume. Werfen neugierige Blicke in die Schlossküche, die ihre Herkunft als Heimküche des einstigen Altersheimes nicht verleugnen kann und in der noch Pfannen und Töpfe auf dem emaillierten Herd stehen, und ins karge Büro des letzten Schlossherrn. Dort liegen – zufällig oder mit bitterem Humor arrangiert? – auf dem Pult zwei gebundene Exemplare des «SchKG», des Gesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs. (Wenig später liegen sie wesentlich pietätvoller auf einem Beistelltischlein nebenan.)

In einem «Salon», in dem Sessel mit rotem Plüschbezug in seltsamem Kontrast zu den schönen Kachelöfen stehen, gibt ein offensichtlich sachkundiger Herr einem TV-Reporter Auskunft. «Ich denke, dass es viel mehr als eine Million Franken kosten wird, das Schloss zu restaurieren», meint er. «Es braucht aber auch den richtigen Mann für die Restaurierung.» Man erhält den Eindruck, dass er weiss, wer dieser richtige Mann wäre. Er sagt aber: «Ich habe das nötige Kapital nicht. Ich müsste mich bis unters Dach verschulden.»

Schnäppchen oder doch nicht?

Das hat etwas. Mit einem Schätzungswert von bloss 2,61 Millionen Franken scheint das Schloss auf den ersten Blick zwar tatsächlich ein Schnäppchen zu sein. Im Schätzungsbericht wird aber festgehalten, dass der «Substanzerhalt und der fachgerechte Unterhalt des Schlosses über Jahre vernachlässigt» und dass bei Umbauten zu «teilweise unverständlichen Materialien» gegriffen worden sei. Zudem sei das Schloss nicht an die Kanalisation angeschlossen. Allein die Kosten, die anfallen, damit die Auflagen des Denkmalschutzes erfüllt werden können, werden auf rund 750000 Franken geschätzt.

Trotz all der indiskreten Einblicke – wie wohl die Flasche «Fuchswein» mit dem Konterfei des bernischen SVP-Politikers Thomas Fuchs auf der Etikette zu den Schnapsflaschen in eine Vitrine nach Wildenstein gekommen sein mag? – bleibt der verstorbene Schlossherr Max Gautschi seltsam unfassbar. Eine Dame bringt es auf den Punkt: «Nein. Wir wollen das Schloss nicht kaufen. Aber wir wohnen seit 17 Jahren in der Nähe, und wir sind noch nie im Schloss gewesen. Es ist doch seltsam. Da ist man sich als Nachbar so fremd und dabei doch so nah.»