Thomas Marth

10 Uhr. Im Schulhaus Waidhalde läuten die Pausenglocken. Zahlreiche Kameras und Mikrofone sorgen für einige Aufregung bei den auf den Pausenplatz strömenden Schülern und Schülerinnen. Sie geben Medienschaffenden bereitwillig Auskunft. Sie seien immer zu zweit unterwegs, erklären Elias und Stefan, die Ansteckknöpfe an den Jacken als Konfliktlotsen ausweisen. Etwa ein bis zwei Mal pro Woche seien ihre Dienste als Konfliktlotsen gefragt, sagen sie - weil es Streit gebe, weil Gerüchte im Umlauf seien, ein Mal auch wegen eines Drohbriefs. Elias: «Der Absender wurde ausfindig gemacht, er hat sich entschuldigt.» Missverständnisse und zerbrochene Freundschaften nennen die Konfliktlotsinnen Begüm und Elifanna als weitere Gründe, die zum Eingreifen veranlassen können.

In Zürich wurde der 100. Konfliktlotse ausgelotet. Das war dem Stadtzürcher Schulvorsteher Gerold Lauber am Freitag eine Medienkonferenz wert - angesichts der bevorstehenden Stadtratswahlen sicher nicht ganz uneigennützig. Es geht ihm darum, zu zeigen, dass man nicht untätig geblieben ist, seit vor drei Jahren Fälle von Jugendgewalt an Stadtzürcher Schulen landesweit für Schlagzeilen gesorgt haben. Die Konfliktlotsen sind nur eines der Projekte aus dem Massnahmenkatalog der Task-Force Jugendgewalt, die der Stadtrat im Frühling 2008 eingesetzt hat - «ein Mosaiksteinchen», wie Lauber sagt.

Die Schule muss es wollen

«Es geht nicht darum, Konflikte zu vermeiden, sondern sie auf eine gute Art auszutragen», erklärt Maria Baselice, Projektleiterin der Fachstelle für Gewaltprävention in Laubers Departement. Die Lotsen und Lotsinnen sind ausgebildet, einen solchen Prozess im Sinne einer Mediation zu begleiten. Je nach dem haben die Streitparteien eine Vereinbarung zu unterzeichnen, dass sie die getroffene Lösung auch einhalten.

Schreitet Zürich da auf gänzlich neuen Wegen? Es gebe einige Schulen im Kanton, die ähnliche Projekte ins Leben gerufen haben, erklärt auf Anfrage Enrico Violi, Beauftragter für Massnahmen gegen Gewalt im schulischen Umfeld der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Dabei seien mehrheitlich gute Erfahrungen gemacht worden. Entscheidend sei, dass die Initiative von der jeweiligen Schule selbst ausgehe, sie kenne schliesslich die eigene Situation am besten. Wichtig sei im Weiteren, dass Lehrkräfte und Schulleitung dahinter stehen und es sich nicht um eine isolierte Massnahme handle. «Es braucht eine gewaltpräventive Haltung der Schule.»

Es gab auch Irritationen

Insofern scheint man in der Waidhalde alles richtig gemacht zu haben. Es hat als erstes Schulhaus in Zürich Lotsen eingesetzt - auf eigenen Antrieb, nachdem man ein entsprechendes Projekt in Basel besichtigt hatte, wie Schulleiter Ernst Hüsler erklärt. Wobei er nicht verhehlt, dass es bei Lehrkräften zunächst auch Irritationen gab, etwa wenn ein Lotse die Pause zehn Minuten überzog, weil er noch schlichtend tätig war.

Hüsler betont, dass es wichtig sei, den Lotsen ein Begleitteam zur Seite zu stellen. Dieses besteht aus einer Lehrkraft und einer Schulsozialarbeiterin und trifft sich mit den Lotsen monatlich zu einer Sitzung. Hüsler streicht im Weitern hervor, dass die Lotsen die Fälle an die Erwachsenen abgeben sollen, wenn sie an Grenzen stossen. «Verantwortlich sind letztlich wir.» Andererseits sei es auch angenehm zu wissen, dass sich so manches erledige, ohne dass er davon erfahre.

5 der 106Stadtzürcher Schulen arbeiten bisher mit Lotsen, 5 sollen nächstens dazukommen. «Es interessieren sich nicht immer jene Schulen, von denen man es erwarten würde», gestand Lauber ein. Besagte Schulen, die einst für Schlagzeilen sorgten, konnten sich bisher nicht dafür erwärmen.