Urs Moser

Der Aargau zählt heute 600 000 Einwohner. Im Jahr 2035 sollen es bereits über 740 0000 sein. Und das heisst im Pendlerkanton vor allem eines: (noch) mehr Verkehr. Baudirektor Peter C. Beyeler will nicht gerade den Kollaps prophezeien, aber eines ist für ihn klar: Die Verkehrsbelastung wächst deutlich schneller als die Möglichkeiten zur Finanzierung der benötigten Verkehrsinfrastruktur. Eine gestern präsentierte Studie des Economic Research der Credit Suisse wertet er daher auch als Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein mit der Revision der aus dem Jahr 1970 stammenden Strassenverkehrsgesetzgebung, die auch eine Erhöhung der Motorfahrzeugsteuern bringen soll.

Ein Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen sei nötig, damit der Aar-gau seine Attraktivität als Wirtschafts- und Wohnstandort halten könne, so Beyeler. Die gute Anbindung an das nationale und das regionale Verkehrsnetz und die gute verkehrstechnische Erreichbarkeit seien Vorteile, die der Aargau nicht aufs Spiel setzen dürfe.

Komplexes Zusammenspiel

Die speziell auf den Aargau fokussierte Studie der Credit Suisse geht dem Zusammenspiel von verkehrstechnischer Erreichbarkeit und regionalen Entwicklungen von Wirtschafts- und Lebensräumen nach.

Wenig überraschend stellte sich heraus, dass innerhalb der Schweizer Grossregionen mit höherer Erreichbarkeit generell auch die Wirtschaftskraft steigt und die Attraktivität für bestimmte Branchen zunimmt. Allerdings zeigt sich auch gerade als Aargauer Besonderheit, dass hier bessere Erreichbarkeit nicht automatisch mit einer dynamischeren Wirtschaftsentwicklung, mit mehr Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum gleichzusetzen ist. Das hat damit zu tun, dass die wertschöpfungsstarke Energiebranche und der Forschungssektor mit dem Paul-Scherrer-Institut im Aargau das Wertschöpfungsniveau in Regionen heben, die verkehrstechnisch nicht unbedingt zu den privilegierten gehören. Hingegen zeigt der Bericht auf, dass an Aargauer Wirtschaftsstandorten mit sehr guter verkehrstechnischer Erreichbarkeit die konjunkturbedingten Beschäftigungsschwankungen weniger ausgeprägt sind. Zumindest bei generell positiver Wirtschaftsentwicklung spräche das für eine noch weiter ausgeprägte Etablierung der Zentrumsstädte als regionale und überregionale Zentren mit entsprechendem Bedarf nach Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Mehr Bahn heisst nicht weniger Autos

Auf gut 90 Seiten liefert die Studie «Kanton Aargau, Verkehrsinfrastruktur und ihre Auswirkungen» eine Vielzahl von Daten zum Zusammenhang der Erreichbarkeit einer Region etwa mit den Einkommensklassen der Bevölkerung, der Wohnbautätigkeit oder Unternehmensgründungen.

Ein Patentrezept für die Siedlungs- und Verkehrsplanung der Zukunft liefert sie nicht, da die Zahlen mitunter auch in scheinbaren Widersprüchen zueinander stehen. Sie liefert aber gewisse Anhaltspunkte, zum Beispiel bezüglich denkbarer Ausbauten im öffentlichen Verkehr: Während man bis zum Jahr 2000 eigentlich überall ein Bevölkerungswachstum ausmachte, wo in den öffentlichen Verkehr investiert wurde, löste sich dieser Zusammenhang in den Jahren danach auf. Nachzulesen ist etwa auch, dass im Raum Baden trotz noch besserer Erreichbarkeit über die Strasse die Quote der öV-Nutzer hoch ist, während Mutschellen und Freiamt Gegenden für ausgesprochene Autopendler sind und auch eine deutliche Angebotserweiterung im öffentlichen Verkehr kaum zu einem markanten Umsteigeeffekt führen würde.