Angeklagter wollte sich nicht raufen sondern schlichten

Angeklagter wollte sich nicht raufen sondern schlichten

Der Angeklagte habe sich nicht raufen sondern schlichten wollen, so das Gerichtsurteil.

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Der Angeklagte habe sich nicht raufen sondern schlichten wollen, so das Gerichtsurteil.

Das Bezirksgericht Brugg hat einen Mann vom Vorwurf freigesprochen, dass er an einem Raufhandel beteiligt gewesen sei. Es ist davon auszugehen, dass der Angeklagte bei der Rauferei schlichten wollte.

Louis Probst

«Ich bin mit Kollegen vor dem Aperto beim Bahnhof Brugg gesessen und habe ein Bier getrunken», sagte der Zeuge - und Geschädigte - vor Gericht. «Dann hat mich ein Bursche angesprochen. Er hat gefragt: ‹Hast du Gras?› Vielleicht habe ich etwas patzig gesagt: ‹Nein. Und wenn ich welches hätte, würde ich dir nichts geben.› Ein paar Minuten später standen ein paar junge Burschen vor mir. Sie sagten, dass ich ihren Kollegen angepöbelt hätte. Und schon ging es los. Ein Kollege von mir bekam eins aufs Auge, weil er mir helfen wollte. Ich schützte mein Gesicht mit den Händen. Plötzlich lag ich am Boden. Dann erschienen die Polizei und der Krankenwagen. Ich kam ins Spital. Später habe ich eine Strafanzeige erstattet. Die Polizei hat mir Fotos gezeigt. Einige der Leute habe ich auf den Bildern erkannt. Das wärs eigentlich gewesen von meiner Seite.»

Auf die Frage von Gerichtspräsident Hans-Rudolf Rohr, ob er, der Zeuge, denn wisse, ob der Angeklagte auf ihn eingeprügelt habe, meinte der Zeuge mit einem Seitenblick auf den stämmigen Angeklagten: «Entschuldigung, wenn ich das so sage. Aber ein Dicker hat nicht auf mich eingeschlagen. Ich will daher nicht behaupten, dass der Angeklagte dreingeschlagen hat.»

«Da läuft etwas falsch»

Der Angeklagte meinte: «Ich habe den Vorfall gut in Erinnerung. Ich bin durch die Unterführung gegangen. Ich kenne die Leute, die dort herumhängen. Von einer Schlägerei habe ich nichts gewusst, wie das jetzt vom Staatsanwalt behauptet wird. Ich hatte null Infos. Als ich die Treppe hochgekommen bin, habe ich die Szene mitbekommen. Ich habe gesehen, dass der Mann keine Chance hatte. Er hatte etwa fünf Leute gegen sich. Ich habe versucht, ein paar von denen wegzureissen. Ich wollte schlichten. Dann hat jemand die Polizei angerufen. Die Angreifer sind weggerannt. Ich bin geblieben. Ich dachte, ich sei Zeuge. Dann hat mir die Polizei Handschellen angelegt. Ich habe gedacht: Da läuft etwas falsch.»

In der Folge war der Angeklagte, der unter anderem wegen Körperverletzung vorbestraft ist, vom Bezirksamt Brugg zu einer unbedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 30 Franken verurteilt worden.

Weil er sich damit nicht abfinden wollte, hatte sich Bezirksgerichtspräsident Hans-Rudolf Rohr als Einzelrichter mit der «Schlacht beim Aperto» zu befassen. Er sprach den Angeklagten frei. «Zeugenaussagen ergeben, dass sich der Angeklagte nicht aktiv an der Schlägerei beteiligt hat», erklärt der Gerichtspräsident zum Freispruch. «Es ist daher davon auszugehen, dass er schlichten wollte. Darin liegt kein strafbares Verhalten.»

Dieser Meinung dürfte auch der Zeuge gewesen sein. Beim Verlassen des Gerichtssaales reichte er dem Angeklagten jedenfalls die Hand und sagte: «Danke vielmals, wenn du schlichten wolltest.»

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