Kirschen
«Anbau von Brennkirschen ist nicht kostendeckend»

Sein Geschäft sind die süssen Schnapskirschen. Doch der Anbau lohnt kaum: Pro Kilogramm erhält August Schmid 70 Rappen. Nun lässt der Regen zudem viele Kirschen verfaulen.

Drucken
August Schmid

August Schmid

Aargauer Zeitung

Sabine Kuster

Aus den meisten Ihrer Kirschen wird Schnaps gebrannt. - Sind Ihre Kirschen minderwertig?

August Schmid: Nein, zum Essen sind Brennkirschen oft sogar süsser als Tafelkirschen. Aber man kann sie keinem Laden verkaufen, weil sie verderblich sind: Ihnen fehlt die harte Haut.

Sind Sie zufrieden mit dieser Kirschensaison?

Schmid: Die Voraussetzungen waren gut und der Ertrag stimmte, doch der heftige Regen macht den Bauern zu schaffen. Es wird wegen Fäulnis und Aufspringen der Krischen grössere Verluste geben.

Wie viel konnten Sie pflücken?

Schmid: 7 Tonnen haben wir bereits von 100 Bäumen runtergeholt, noch einmal so viel hängen noch. Aber eben, viele davon sind schadhaft und werden den Stieren verfüttert - die sind wild auf Kirschen.

Andernorts hört man, die Kirschen blieben hängen, weil die Pflücker fehlten.

Schmid: Ja, der Mangel an Leuten wird je länger, je problematischer. Die Pensionierten und andere Gratisarbeiter fehlen. Aber es gibt auch heute noch Schüler, die ihre Ferien fürs Kirschenpflücken opfern.

Wie gross ist der Stundenlohn der Pflücker?

Schmid: Im Stundenlohn kann man nicht rechnen beim Pflücken der Brennkirschen. Pro Kilogramm zahlen wir 60 Rappen und verkaufen es für 70. Ein flinker Pflücker schafft 10 Kilogramm pro Stunde. Bei den Tafelkirschen sieht es finanziell anders aus.

Besser?

Schmid: Ja, aber der Aufwand ist auch grösser. Tafelkirschen werden heutzutage oft mit Folien vor dem Regen geschützt, denn die grossen Kirschen vertragen ihn nicht. Deshalb müssen die Bäume bewässert werden. Der Anbau kostet pro Hektare 100 000 Franken - bei Brennkirschen sind es 30 000 Franken.

Ist dafür die Ernte einfacher?

Schmid: Ja, zwei Drittel der Tafelkirschen pflücken wir vom Boden aus. Die Unfallgefahr ist viel kleiner.

Von Unfällen hört man immer wieder. Sind Sie selbst schon gestürzt?

Schmid: Ja, es trifft jeden einmal. Die Leiter drehte sich, ich stürzte sieben Meter in die Tiefe und brach mir das Schulterbein. Ich musste zwei Nächte im Spital bleiben. Zu Hause hatte ich kleine Kinder . . . ich hatte Glück im Unglück.

Deshalb setzen die Obstbauern auf Tafelkirschen?

Schmid: Ja, der Trend geht in diese Richtung. Aber auf meinem Hof sind im Moment die Industriekirschen für Konfitüre ein grosser Ertragsposten. Diese tiefschwarzen, weichen und süssen Kirschen gibts praktisch nirgends mehr - ausser im Fricktal. Für die kriegen wir 1.65 Franken pro Kilo.

Wie viel kriegen Sie für die Tafelkirschen?

Schmid: Für die Klasse 1 mit mindestens 21 Millimetern Durchmesser kriegen wir 3.30 Franken und für die Klasse «extra» ab 24 Millimetern 5.30 Franken.

Und wer bestimmt den Preis?

Schmid: Früher setzten sich die Vertreter der Schweizer Tafelkirschenproduzenten und die Vertreter der Händler wöchentlich an einen Tisch im Produktezentrum des Schweizerischen Obstverbandes in Olten. Heute findet die Börse per Telefonkonferenz statt. Die Preise sind ziemlich stabil: Es gibt einen etwas höheren Preis für den Beginn der Ernte und einen tieferen während der Hochsaison.

Gibt es auch eine Börse für die Brennkirschen?

Schmid: Ja. Der Preis wird in zwei, drei Sitzungen vor der Erntesaison in Olten ausgehandelt. Ich vertrete die Aargauer Produzenten.

Wird richtig gekämpft?

Schmid: Ja klar - um Rappen wird gekämpft. Das ist jeweils sehr emotional und ziemlich hart. Ich muss den ausgehandelten Preis gegenüber den Aargauer Produzenten vertreten. Möglich, dass der Preis mal für mich persönlich gestimmt hätte - aber da sind noch 500 andere, die auch zufrieden sein müssen. Denen muss ich danach in die Augen blicken können.

Seit Jahren hört man, der Anbau von Kirschen rentiere nicht mehr. - Hätten Sie nicht längst aufhören sollen?

Schmid: Tja, aufhören . . . ich bin Fricktaler, die hochstämmigen Kirschbäume sind eine Herzensangelegenheit. Solange ich noch Leute finde, die für ein Mittagessen Kirschen pflücken, geht es. Ausserdem rentieren die neuen tiefstämmigen Tafelkirschbäume besser, und wir können damit die Brenn- und Industriekirschen quersubventionieren. Bei denen lohnt es sich auch, jemanden zum Hilfsarbeiterlohn einzustellen. Die Brennkirschen jedoch lassen sich nicht mehr kostendeckend produzieren. Ich will nicht jammern, aber das ist eine Tatsache.

Wie viel kriegen Sie vom Bund für Ihre Hochstämmer?

Schmid: Der Bund bezahlt pro Hochstammbaum jährlich 15 Franken. Pro Baum lassen sich 14 Liter Hochprozentiger herstellen - dadurch kriegt der Bund 174 Franken durch die Alkoholsteuer wieder zurück. Es wäre deshalb richtig, wenn der Bund zusätzlich einen Verarbeitungsbeitrag zahlen würde, damit es sich wieder lohnt, Hochstämmer zu bewirtschaften. Nur die Hälfte unseres Kirschs wird heute aus Schweizer Früchten hergestellt, obwohl die Schweiz viel mehr produzieren könnte.

Sind die Kirschen Ihr einziges Einkommen?

Schmid: Nein, wir bauen auch Zwetschgen an und halten Vieh. Nur auf Krischen zu setzen, wäre mir zu riskant, denn wenn im Frühling ein Frost kommt, bliebe uns nichts. Doch der Junior will jetzt nur noch Obst anbauen. Ich frage mich, wie das gehen wird, selbst wenn er mehr Tafelkirschen anbaut.

Die Tafelkirschen werden immer grösser. Wie gross sind sie in 50 Jahren?

Schmid: Ich denke, das Grössenpotenzial ist ausgeschöpft. Der Kunde will die Kirsche in den Mund stecken können, ohne abzubeissen. Sonst würde der Saft spritzen.

Wie essen Sie sie am liebsten?

Schmid: Frisch vom Baum am Morgen früh oder im Winter in Form einer Kirschenwähe. Auch heisse Kirschen über Vanilleglace mit Likör mag ich sehr.

Aktuelle Nachrichten