Zuger Forum Kirche und Wirtschaft
Alte Werte als neue Wirtschaftsphilosophie

Sind Wirtschaft und Ethik miteinander vereinbar und welche Vorgaben müssen dazu erfüllt sein? Mit dieser Frage befassten sich am Dienstagabend hochkarätige Wirtschafts-, Instituts- und Kirchenvertreter im Kloster Kappel.

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Alte Werte als neue Wirtschaftsphilosophie

Alte Werte als neue Wirtschaftsphilosophie

Von Martin Platter
Letztes Jahr hat die katholische Kirche im Kanton Zug die schweizweit erste Fachstelle «Forum Kirche und Wirtschaft» gegründet. Auslöser war unter anderem die Finanz- und Wirtschaftskrise mit ihren grassierenden Auswüchsen. Ziel der Fachstelle ist es, Menschen aus verschiedenen Wirkungskreisen zusammenzubringen, um ethische Werte und wirtschaftliche Gesetzmässigkeiten zu analysieren, zu hinterfragen und in ein neues Licht zu rücken. Es soll Begegnungen und den Dialog zwischen Führungspersonen und Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Verwaltung, Kirche und Politik fördern, wie von Fachstellenleiter Christoph Balmer und Dekan Alfredo Sacchi zum Auftakt des Abends zu vernehmen war. Zuvor hatten sich die rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer unter der Leitung von Sacchi in der Klosterkirche besinnlich eingestimmt auf die Vorträge mit anschliessender Podiumsdiskussion in Klosterkeller.
Schade war, dass der Anlass nicht kontradiktorisch aufgebaut war, wie sich das auch Wirtschaftsethiker und Hauptreferent Josef Wieland gewünscht hätte. Die beiden anderen Exponenten, Werner Krüdewagen, internationaler Verkaufsleiter Siemens Securitiy Solutions, und Pfarrer Tobias Karcher hatten die Anspielungen von Wieland vielversprechend pariert, wie sich im Ansatz zeigte, und so Erheiterung ausgelöst.

Wirtschaftlicher Regelwildwuchs

In seinem Referat verglich Wieland die herrschenden Zustände in der Wirtschaft mit denen eines Fussballspiels, bei dem jedes Team nach seinen eigenen Regeln spielt in einem wild organisierten Turnier ohne Fifa. Die Initiative, Regeln zu schaffen, falle auf das einzelne Individuum zurück.
Nun leben wir bekannterweise in einer globalisierten Welt, in der jede Gesellschaft und jede Nation seine eigenen Regeln, Gebräuche und Prinzipien hat. Das sei die grosse Herausforderung der Wirtschaftsführer, unter diesen Umständen gemeinsame Nenner zu finden und redlich zu bleiben. Wieland nannte als bildliches Beispiel die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen der Warschauer Paktstaaten. Beim Einmarsch in Prag 1968 stand ein unbewaffneter Demonstrant vor einem Panzer und hielt ein Schild mit der Aufschrift «Freedom» hoch - Pressefotos davon gingen um die Welt. Egal, wo das Foto gezeigt wurde: Die nonverbale Aussage des Bildes wurde überall gleich verstanden. Hätte man in den verschiedenen Nationen jedoch über die Definition von «Freedom» (Freiheit) diskutieren lassen, wäre eine unterschiedliche Begrifflichkeit herausgekommen, führte Wieland aus und nannte das nonverbale Phänomen «Humanität». Menschlichkeit: keine spezifisch religiösen Werte, aber Abwandlungen von religiösen Grundsätzen. Prinzipien wie Nachhaltigkeit, Respekt, faire Kooperation. Zentrale Werte wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität, Aufrichtigkeit, Toleranz, Partnerschaft und gegenseitige Achtung. Nicht interkulturell, auch nicht multikulturell, sondern transkulturell: vielfältige Verflechtung von Kulturen.

Geschäftskulturen gegenseitig anpassen

Wie nötig es ist, dass sich Geschäftskulturen anpassen, erklärte Wieland anhand des Beispiels von China, das sich derzeit noch vorwiegend den Standards seiner Auftraggeber anpasse. Das werde aber nicht ewig so weitergehen.
Länder mit grossem Wirtschaftswachstum wie China, Indien und Brasilien entwickelten mit ihrer Prosperität ein eigenes Selbstbewusstsein und erwarteten zunehmend, dass sich auch die Wirtschaftspartner daran anpassten, führte Wieland aus. Er warnte jedoch vor einem Rückfall in nationale Strukturen. Dafür müsse ein hoher Preis bezahlt werden. Das Wachstum finde in den genannten Ländern statt. «Versagen die, bekommen das auch wir zu spüren», ist Wieland überzeugt.
Genau so bewusst ist er sich, dass das wirtschaftliche Handeln nach den Grundsätzen der Menschlichkeit und Transkulturalität Mut erfordere. Dazu sei eine Umkehr in der Wirtschaftsüberlegung nötig; man müsse bei der Ethik beginnen und nicht beim Profit. Ein Unternehmen müsse sich darüber im Klaren werden, welche Rolle es in der Gesellschaft spielen wolle. Ethische Kriterien dürften dabei nicht blosse Kostenstellen sein, sondern müssten als Investition in die Zukunft betrachtet werden, sagte Wieland.

«Glück» im Wandel der Zeit

Werner Krüdewagen arbeitet als Verkaufsdirektor für ein Unternehmen (Siemens), das in der Vergangenheit hinlänglich Erfahrungen mit Geschäften jenseits gängiger westlicher Moralvorstellungen gemacht hatte. Korruptionsfälle in südostasiatischen Staaten brachten das Deutsche Unternehmen an den Rand des Ruins. «Viele Manager konnten sich nicht mehr auf Grundwerte besinnen», fasste Krüdewagen zusammen. Er stellte den Vorgang in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext und erklärte anhand der Bedeutung von «Glück», welcher Wertewandel sich in der Gesellschaft vollzogen hat.
Vor 25 Jahren wurde «Glück» noch mit einem guten, gelungenen Leben gleichgesetzt. Die Vernunft gab die Ziele vor. Die Gemeinschaft diente als Basis dazu. Heute wird «Glück» eher als Besitzindividualismus, subjektives Wohlbefinden und Lustbefriedigung im Sinne von Hedonismus empfunden.
Krüdewagen unterschied zwischen «Manager» und «Leader». Während der Manager lediglich eine Systeme und Strukturen verwaltende Kopie ist, der «die Dinge richtig macht», ist der Leader ein authentisches Original, das erneuert und entwickelt, sich dabei auf die Menschen konzentriert und «die richtigen Dinge tut.» Zentrale Werte der Ethik seien keine neumodischen Anglizismen, sondern alte Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit, Mässigung und Wahrhaftigkeit. Sie zu erreichen ist auch nicht allzu kompliziert: Erziehung, Tugend, Ausbildung, Familie, Lebens- und Gemeinschaftsbezug.
Die nächste Veranstaltung in der Vortragsreihe findet am 2. Juni statt und steht unter dem Titel «Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen». Referent ist Klaus M. Leisinger, Präsident und Geschäftsführer der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung. Infos: forum-kirchewirtschaft.ch

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