Alte Spycher und sagenhafte Schlösser

Endlich wieder Sonne, endlich wieder Sommer. Also rauf auf das Bike und auf die 5. Etappe der Fahrt um das Gebiet der Berner Rundschau und des Langenthaler Tagblatts, diesmal gehts von St. Urban hinauf nach Farnern.

Hans Peter Schläfli

Der Abstecher nach St. Urban war fast nur ein Fuss ins Luzernische gesetzt, denn gleich unterhalb des Klosters geht es mit einer S-Kurve zurück ins bernische Roggwil. Ein Blick zurück lohnt sich: Von der Brennofenstrasse über den Weierweg bis zur Bergstrasse öffnet sich zwischen den Häusern hindurch ab und zu eine tolle Aussicht auf das Kloster.

Durch den Wald geht es immer schön westwärts. Und wieder lohnt sich ein Blick zurück, wenn die noch tiefstehende Sonne durch die Bäume leuchtet. Von den letzten Gewittern dampft noch der nasse Weg. Pilze sind überall aus dem Boden geschossen. Jetzt müsste man nur wissen, welche essbar und welche giftig sind. Am besten hält man sich da an die einfache Regel: Je schöner, desto gefährlicher - und lässt alles Unbekannte lieber stehen.

Die Realität holt einen wieder ein. Eine Flucht ist nicht möglich: Um über die Bahn 2000 zu kommen, muss man sich bei Kaltenherberge auf der verkehrsreichen Strasse einreihen und über die imposante, neue Brü-cke fahren. Ein Intercity braust mit 200 Sachen vorbei, und «Stiller Has» singt in der Erinnerung.

Stiller Has 1994

Intercity, bitte nimm mi mit bis zum Mississippi
I nime hüt my Zug, es geit mer guet u i bi froh
Hockeni nümm mit de Pontonier im glychlige Boot
Will hie biist me sech zwar nid, aber me chätschet sech gäge-sytig z tot

Gleich danach geht es aber rechts wieder ab in die Natur, Richtung Mumenthal - oder Muemetu, wie es auf «Oberaargauanesisch» heisst. Hier wird man sich am Samstag wieder damit vergnügen, «Härdöpfu» mit blossen Händen aus dem Boden zu klauben. Schliesslich gibt es zum vierten Mal einen Schweizer Meistertitel zu gewinnen. Und sie muss nicht aussehen wie eine Kartoffel, sie darf ruhig schön sein: An der Muemetu-Chilbi wird auch wieder die «Miss Härdöpfu» oder Kartoffelkönigin erkoren (siehe nächste Seite).

Über die Hofstrasse geht es durch den Wald an das Aareufer. «Stiller Has»-Sänger Endo Anaconda wäre enttäuscht: Die Aare ist heute eine braune Schlammsuppe. Aber vermutlich ist daran wieder einmal die Emme schuld. Die ergiesst sich etwas weiter oben in Luterbach mit all ihrem Geschiebe in die Aare.

Stiller Has 1996

Gang doch e chli der Aare naa Dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa
Dere Aare naa
Lue wie d Velöle velöle mit ihrne Velo
Dere schöne grüene Aare naa
Dere Aare naa
Gang doch e chli der Aare naa

Dann zieht auch schon das Schloss Aarwangen den Blick auf sich. Die goldenen Speerspitzen auf dem Eingangstor lassen das etwa 800 Jahre alte Monument noch wehrhafter erscheinen. Wer hier vor Gericht muss, dem flösst jedenfalls dieser Anblick Respekt vor der Obrigkeit ein. Im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, wurde das Schloss Aarwangen durch kyburgische Ministerialadelige zur Sicherung des Flussübergangs gebaut. Der frühgotische Hauptturm aus gepflegtem Bossenquaderverband dominiert das Bild bis heute. 1624 wurden das oberste Geschoss und die Volutengiebel in bemerkenswerter Anpassung an den mittelalterlichen Bestand zugefügt. Eine Augenweide.

Mindestens 300 Jahre alt

Die Fahrt dem südlichen Aareufer entlang wird zwar von der Kiesgrube gestört, lohnt sich aber alleweil: Der Weiler Meiniswil ist ein Schmuckstück. Was die Gravour über der Tür ihres Spychers genau bedeutet, weiss nicht einmal die Besitzerin, Bäuerin Bögli, die gerade neben ihren Dreimetersonnenblumen Furchen für eine neue Saat zieht. «ANO 1727 SWIWHGEA» steht da, wobei das N interessanterweise spiegelverkehrt geschrieben wurde. «Ich glaube, er ist noch älter als die Gravour, mindestens 300 Jahre», sagt sie. «Der Heimatschutz hat uns gebeten, den Spycher zu renovieren. Aber das ist einfach zu teuer.» Meiniswil ist als Ganzes aufgenommen im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS).

Trinkpause vor der Schussfahrt hinunter zum Stauwehr - und da kommt auch schon ein neugieriges Kalb daher. Es hat Sehnsucht nach seiner Mutter und saugt am erstbesten Ersatz - einer salzigen Hand. Dann geht es über das Stauwehr nach Bannwil. Von weitem fällt die schöne Kirche auf.

Alle Wege führen nach Bipp

Über 700 Jahre soll sie alt sein, wobei sie auf den verkohlten Überresten der ersten Kirche, die 1500 Jahre alt sein soll, gebaut wurde. An ihr vorbei über den stotzigen Kirchweg geht es Richtung Westen und Nordwesten. Denn alle Wege führen nach Oberbipp, man muss sich nur etwas nach dem Gefühl durch den Wald wagen. Wer die Holzstrasse gefunden hat, ist nicht mehr auf dem Holzweg, sondern überwindet mit dem Hölzliweg sowohl die Autobahn als auch die Eisenbahn.

Die alten Tanklager sind nicht das echte Wahrzeichen Oberbipps, es ist das Schloss, mitten im Aufstieg Richtung Rumisberg. Über 1000 Jahre ist es alt, aber 1798, nachdem der letzte Landvogt vor den Franzosen geflüchtet war, zerstörten die wütenden Bürger von Oberbipp, Rumisberg und Wolfisberg das Schloss Bipp. 1852 kaufte der Basler Johann Jakob Stehlin-Hagenbach (Ständerat und später Bürgermeister von Basel) das Schlossgut mit Ruine und baute das heutige Herrschaftshaus. Hier kommt man auch am Duell von 1659 zwischen dem Major Imthurm und Hauptmann Ziegler vorbei. Der Grabstein des erschossenen Majors steht noch heute in der Oberbipper Kirche. Die Darstellung des Duells gehört zu den Sagenwegen (siehe Kasten) des Bipperamtes.

Weiter geht es hinauf nach Farnern, der höchsten Gemeinde des Juras. Der Höhepunkt der Tour ist nicht mehr weit: Die Bettlerchuchi auf 1080 Metern ist mit ihren Kalkfelswänden ein beliebtes Ausflugsziel für Kletterer aus der ganzen Schweiz.

Die Belohnung für den langen Aufstieg gibt es zurück im Restaurant Stierenberg auf 1008 Metern über Meer. Der Blick schweift über Farnern und Wangen an der Aare hinweg bis weit ins Emmental.

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