Alt-Stadträtin Monika Stocker: «In mir steckt ein Mini-Missionärli»

Alt Stadträtin Monika Stocker hat ein Buch geschrieben. Es ist keine Abrechnung mit ihren früheren politischen Gegnern, sondern es geht um Begegnungen mit Menschen in ihrem Alltag.

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«In mir steckt ein Mini-Missionärli»

«In mir steckt ein Mini-Missionärli»

Limmattaler Zeitung

Alfred Borter

Volkshaus Zürich, 19Uhr. Auf dem Trottoir entlang der Stauffacherstrasse ist kein Durchkommen. Dicht an dicht stehen hier junge Leute und warten auf Einlass. Allerdings stehen sie nicht wegen Monika Stocker an, sie sind Fans der Popsängerin Kelly Clarkson, die im Theatersaal einen Auftritt hat.

Aber auch der Blaue Saal des Volkshauses ist mit 180Personen voll besetzt. Hier haben junge Leute Seltenheitswert, es dominieren die Grau- und Weisshaarigen. Monika Stocker hat, bevor sie mit der Lesung beginnt, bereits Dutzende Exemplare ihres 124-seitigen Werks mit dem Titel «He, dich kenne ich doch» signiert. Wer ihr auch immer sein Buch mit der Bitte um eine Widmung hinhielt, konnte eb enfalls sagen: «Ich kenne dich doch», und sie kannte ebenfalls die meisten, sei es aus der Schule oder dem gemeinsamen Kampf in der Frauen- oder Friedensbewegung, sei es aus ihren 14 Jahren als Vorsteherin des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Und alle waren gespannt, was denn nun die Stadträtin, die Ende Juli 2008 ihr Amt krankheitshalber hatte aufgeben müssen, zwischen zwei Buchdeckel gepackt hatte.

Liliane Studer, Verlegerin des Limmat-Verlags, hält fest, das Büchlein mit seinen 56Geschichten sei zwar schmal, aber es enthalte einen immensen menschlichen Reichtum. «Monika Stocker ist sich auch als Autorin treu geblieben.»

Und dann bekommen die Zuhörerinnen und Zuhörer von Monika Stocker, die es sichtlich geniesst, im Kreise von ihr wohlgesinnten Menschen im Mittelpunkt zu stehen, drei Müsterchen vorgesetzt. Das eine handelt von einem Mädchen, wohl aus Somalia, das an einer Kinderkonferenz so selbstvergessen und wunderschön tanzt, dass es ganz erschrocken ist, wie es merkt, dass man ihm zugeschaut hat. Wie Monika Stocker auf das Mädchen zugeht und ihm dankt, beginnt es zu strahlen.

Die zweite Geschichte handelt von der alten Frau, die am Zürcher Hauptbahnhof die Reisenden segnete (siehe separater Text). Und bei der dritten geht es um einen alkoholkranken Koch im Zentrum für Alkohol Konsumierende, dem es gelang, ein unvergessliches Menü auf den Tisch zu stellen.

Elend nicht verklärt

Die Geschichten hätten ihn sehr berührt, stellt dazu Daniel Hell fest, der langjährige Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik und jetzt an der Privatklinik Hohenegg in Meilen tätig. Er zitiert aus dem Vorwort von Peter Bichsel, der gesteht, er habe hin und wieder beim Lesen der Geschichten eine Träne verdrückt, und zwar eine Träne der Hoffnung. «Ich bewundere, wie nahe Sie den Menschen gekommen sind, ohne das Elend zu romantisieren», sagt Hell. Das Büchlein sei ermutigend. Die Autorin, die es übrigens partout ablehnt, als Schriftstellerin bezeichnet zu werden, bestätigt, es gehe ihr darum, Hoffnung zu vermitteln. «Ich stelle bei den Menschen nicht das in den Vordergrund, was sie nicht können, sondern das, was sie können», betont sie.

Und sie wird fast wieder zur alten Kämpferin, wie sie erklärt, es sei in Zürich nachgerade schick geworden, auf das Soziale zu schimpfen. «Zürich von unten gehört auch zum Paradeplatz», sagt sie, und fügt bei, aber die dort seien ja im Augenblick auch nicht mehr so hoch oben. Das Publikum lacht. Und dann gesteht sie: Natürlich sei mit dem Büchlein die Absicht verbunden, Verständnis zu wecken. «In mir steckt ein Mini-Missionärli.»

Monika Stocker, «He, dich kenn ich doch», Limmat-Verlag, Zürich.

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