Jürgen Schultz
«Als Pfarrer ist man mit dem ganzen Leben konfrontiert»

Seit Januar 1980 ist er Pfarrer in Hausen und damit «treuster Hirte» im Säuliamt. Im «Anzeiger»-Interview spricht Jürgen Schultz über «Jugendsünden» und erklärt, was er unter Seelsorge versteht.

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Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

Interview: Thomas Stöckli

«Anzeiger»: Jürgen Schultz, weshalb sind Sie vor 30 Jahren nach Hausen gekommen?

Jürgen Schultz: Ich habe gezielt ein Einzelpfarramt gesucht, weil ich eigentlich kein Teamplayer bin. Ich muss alles selber überblicken können. Hausen hat damals lange gesucht und so wurde ich schnell gewählt. Heute noch bin ich glücklich, dass ich in so einer Umgebung wohnen darf: das schöne Haus, der nahe Wald... und den Arbeitsplatz kann ich in Finken erreichen.

Wie sind Sie von der Gemeinde empfangen worden?

Ich bin gut aufgenommen worden, auch wenn ich nicht nur Glanzzeiten hatte. Aus heutiger Sicht habe ich diese Stelle mit einiger Naivität und Leutseligkeit angetreten. Es war meine zweite Pfarrstelle und wollte die Kirchgemeinde sozusagen im Sauseschritt erobern. Zum Beispiel habe ich in der ersten Zeit einmal die Woche die Wohnstube des Pfarrhauses zum Kirchgemeindetreffpunkt erhoben.

Und das kam an?

Der Kaffee wurde kalt und das Bier warm: niemand kam. Es brauchte Zeit, bis eine gewisse Scheu überwunden war. Auch bin ich einige Male unbedarft ins Fettnäpfchen getreten. Zum Beispiel, als ich in einer Predigt über das Sturmgewehr im Schweizer Kleiderschrank «gelästert» habe. Auch würde ich nicht noch einmal einen «Feuerlauf» auf dem Albis organisieren. Damals hat man mir Verbindungen mit dunklen Mächten nachgesagt und mich in die Nähe des Teufels gerückt. Heute muss ich über mich selber schmunzeln: Ich habe wohl manchen Hausemer an die Schmerzgrenze gebracht.
Sie waren ja immer für unkonventionelle Ideen gut.

Zur Taufe eines Jugendlichen aus der Stiftung «Albisbrunn» habe ich 1993 dessen Lieblingslied von den «Böhsen Onkelz» abgespielt und aus meiner Sicht dazu gepredigt. «Pfarrer tauft nach Neonazi-Song» hat der «Blick» darauf getitelt und meine deutsche Herkunft betont. Ein andermal habe ich aus Frust, dass nur wenige Leute in den Gottesdienst kommen, im «Anzeiger» jedem Gottesdienst-Besucher zwei Franken versprochen. 400 Franken hatte ich bereit, 200 bin ich so losgeworden, und den Rest habe ich für gute Zwecke gespendet. Daraus wurde dann im folgenden Jahr sogar ein Fasnachts-Sujet.

Damit sind Sie auch angeeckt.

Mit einem damaligen Kirchgemeindepräsidenten gab es Hahnenkämpfe wegen meines Lebensstils und der theologischen Ausrichtung. Kritisiert wurde meine lockere Haltung. Ja, in den 90er-Jahren ist viel Geschirr zu Bruch gegangen. 1994 wurde ich nur ganz knapp wiedergewählt. Sogar Freunde haben mir damals geraten, zu gehen. Ich hatte auch eine Pfarrstelle in Aussicht.

Was gab den Ausschlag, dass Sie geblieben sind?

Ein so knapper Entscheid ist natürlich kein guter Start in eine neue Amtszeit. Bei jeder Begegnung fragt man sich: hat der mich gewählt oder nicht? Meine damalige Frau und ich, wir wollten uns nicht einfach wegschicken lassen. 2000 wurde ich dann mit 83% wiedergewählt. Das war eine grosse Erleichterung und Bestätigung für den Entscheid, zu bleiben. Mittlerweile habe ich mich mit der «Fast-Niederlage» versöhnt.

Wo sehen sie die Gründe für das damalige Misstrauensvotum?

Dass ihr Pfarrer plötzlich eine eigenständige Persönlichkeit ist, hat viele verunsichert. Zum Beispiel sagen meine Gegner: Der Schultz ist ja nur ein Schauspieler. Und meine Freunde sagen: Zum Glück bist du auch ein Schauspieler. Im Fernsehen habe ich einmal eine Vase fallen lassen, um damit die Kirchenspaltung zwischen der katholischen und der reformierten Kirche zu symbolisieren: die Scherben lassen sich nicht mehr - unsichtbar - zusammenfügen. Ja, ich merke, ich will nicht immer denselben Tramp in unserer Kirche, sondern Neues finden. Die einen finden das toll, andere haben Mühe damit.

Apropos Schauspieler: Am «Chränzli» der Gesangsvereine Rifferswil werden Sie wieder auf der Bühne zu sehen sein. Schadet das nicht ihrer Glaubwürdigkeit?

Nein. Mit der Zeit bin ich für die Gemeinde von der Amtsperson Pfarrer auch zum Menschen Jürgen Schultz geworden. Der Pfarrer ist kein Heiliger, er kocht auch nur mit Wasser. Trotzdem habe ich natürlich eine Vorbildfunktion. Es hat Jahre gedauert, dieses Vertrauen aufzubauen. Und heute ist es für die Leute ein Herzensspass, ihren Pfarrer auf der Bühne zu sehen. Übrigens: dort kann ich mich auch mal richtig ausleben in meinem Wunsch, mich in meinem Innersten darstellen zu können.

Das Spielen mit Regeln und Konventionen scheint Sie herauszufordern.

Spielen würde ich nicht sagen. Aber es gibt ja nicht nur schwarz und weiss, sondern auch Grautöne. Jeder Pfarrer soll seine eigene Linie haben. Der Versuch, es allen recht zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Zum Beispiel das «Unser Vater» in Schweizerdeutsch: die Jungen fanden es gut, die Älteren sprachen von «Verballhornung». Es war in der Tat eine Verletzung religiöser Gefühle. Und im Übrigen: als Pfarrer habe ich ein breites Spektrum an Entfaltungsmöglichkeiten. Ich kann mich verwirklichen, ohne gleich hinausgeworfen zu werden. Natürlich braucht es auch ein helles Ohr, damit der Pfarrer merkt, wo er aneckt. Manches mag es leiden, anderes ist zu viel.

Was hat sich seit Ihren Anfängen in Hausen verändert?

Ich selber bin ruhiger geworden, gelassener. Ich mische mich nicht mehr in jeden Konflikt ein. Und unsere Kirche hat ja heute viele «Eingangstore» für die Menschen. Und ich meine nicht nur das Gebäude... : Einmal im Monat feiern wir Andachten mit Kleinkindern und bieten so auch Kontaktmöglichkeiten für junge Eltern. Ich kann aber auch an Altersnachmittagen etwas überbringen. Das sind zwei Elemente aus dem grossen sozialen Netzwerk, die wir in den letzten Jahren in den Vordergrund gerückt haben. Als Pfarrer ist man mit dem ganzen Leben konfrontiert: Ich bin kein Arzt, der nur Kranke in seiner Praxis hat und kein Lehrer, der sich das ganze Leben mit «Schnudergoofen» abgeben muss. Der Beruf des Pfarrers ist wohl der Schönste!

Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Es klingt vielleicht makaber: aber bei Beerdigungen sehe ich den seelsorgerischen Ansatz am Klarsten: In dieser Situation kann ich die Menschen am besten «abholen» und ihrer Seele Sorge tragen. Die Dinge - die Schwächen und die Stärken eines Verstorbenen - beim Namen nennen, aber mit Würde und behutsamer Wortwahl. Es ist eine ungeheure Verantwortung, die wir Pfarrer da tragen. Aber es ist auch eine Chance Etwas anderes, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war die persönliche Niederlage vor vier Jahren mit dem Schiffbruch in der Ehe: Die Scheidung nach 24 Ehejahren im Hausemer Pfarrhaus ging nicht spurlos an mir vorbei.

In zweieinhalb Jahren werden Sie pensioniert. Was dann?

Ich freue mich darauf und habe noch «Pfuus» für das eine oder andere Projekt. Wenn ich hin und wieder für eine Vertretung gerufen werde, dann tut das sicher gut. Schreiben macht mir Spass, aber ich kann mir auch vorstellen, als Hilfsarbeiter in einem Sanitärgeschäft, bei einem Elektriker oder in einer Schreinerei zu wirken. Und wenn ich eine passende Bleibe im Oberamt finde, dann sag ich sicher nicht nein. Im Pfarramt und für einzelne Gemeindemitglieder bin ich auch jetzt schon Computer-Supporter. Gemeinsam mit Konfirmanden haben wir mal Computer-, Handy- und Billett-Automaten-Kurse für Senioren gemacht. Dieses gegenseitige Kennenlernen über die Generationengrenze hinaus, das ist doch auch Kirche. Ich sammle nämlich meine Schafe nicht nur am Sonntagmorgen (lächelt).

Am kommenden Sonntagmorgen, 17. Januar, um 9.30 Uhr feiern Jürgen Schultz und die reformierte Kirchgemeinde Hausen ein schlichtes Jubiläum.