Jürg Rettenmund

«Mis Käthi schmöckt nach Schoggola, es schafft bim Tobler z Bärn», sang Mani Matter in einem seiner populären Chansons. Auch Walter Keller dürfte häufig nach Schokolade gerochen haben. Er arbeitete unter anderem in Guatemala City, in Kilchberg, in Lima und Quillamba in Peru, in Santa Ana in El Salvador - und in Langenthal.

Langenthal? Das hat damit zu tun, dass es hier während etwa zwanzig Jahren eine Schokoladefabrik gab, die Gubor AG oder «Gubori» an der Zürich-Bern-Strasse, gegründet 1939 von Gottfried Uebersax in Oberönz (vgl. Kasten). Kellers Einstieg dort im Jahr 1971 erfolgte sehr überstürzt, wie er sich erinnert: «Ich erhielt von meinem Chef ein Telefon, obschon ich nach einer Afrika-Expedition und einer Besteigung des Mount Kenia mit einem Höhen-Lungenödem krank geschrieben war und für ein halbes Jahr keine Anstrengung verschrieben erhalten hatte.» Lindt & Sprüngli hatte die Fabrik gekauft und suchte nun einen Betriebsleiter. «Der Chef sagte mir, ich könne zwar Nein sagen, antreten müsse ich aber trotzdem.

Gottfried Uebersax hatte sich mit dem deutschen Zweig seiner Firma in Untermünstertal im Schwarzwald übernommen, erklärt Keller. Er musste diesen dem Konzern Bahlsen verkaufen. Die im Verband Chocosuisse zusammengeschlossenen Schweizer Schokoladefabrikanten befürchteten, Bahlsen könnte auch den Schweizer Betrieb an sich reissen und damit einen Fuss in den bis dahin abgeschotteten Schweizer Markt setzen. Deshalb musste ein Schweizer Hersteller in die Bresche springen. Lindt & Sprüngli fiel schliesslich die Aufgabe zu.

Kirschschokolade ohne Zuckerkruste

Die Gubor - der Name setzt sich aus Buchstaben von «Gottfried Uebersax Oberönz» zusammen - hatte sich vor allem mit einer Spezialität einen Namen gemacht: Schokolade mit einer Schnapsfüllung, die ohne Zuckerkruste hergestellt werden konnte. Es gab diese in Tafelform, aber auch in Traubenform, als Kirschzapfen oder Williamsbirnli. Für das Verfahren hatte sich Uebersax sogar das Patent gesichert.

«Gottfried Uebersax war ein sympathischer und genialer Mensch wie viele Erfinder und Unternehmensgründer», erinnert sich Walter Keller. «Aber auch ein bisschen ein Spinner; das braucht es für diese Aufgabe.» So habe Lindt & Sprüngli mit der Firma auch eine Ladung Weichselkirschen übernommen. «Damit wollte Uebersax eine neue Spezialität entwickeln.»

Heute bestellen, morgen produzieren

Das Gastspiel von Walter Keller in Langenthal dauerte allerdings nur vier Jahre. «Das heisst überhaupt nicht, dass Lindt & Sprüngli von Anfang an nur an den Produkten interessiert war und den Betrieb bei erster Gelegenheit stilllegen wollte», betont dieser. Er nennt zwei Gründe dafür, dass es trotzdem so weit kam: Zum einen waren die Schnapsschokoladen von Gubor nur sehr kurz haltbar. «Wenn die Zuckerkruste fehlt, greift der Alkohol die Schokolademasse an und beginnt den Kakao herauszulösen. Dann schmeckt man nicht mehr, was in der Schokolade drin war.»

Grundlage für den Erfolg von Gubor war deshalb ein grosser Aussendienstmitarbeiter-Stab, der täglich am Abend seine Bestellungen in die Fabrik telefonierte. Produziert wurde nur, was geordert war. Mit der auf mehreren Auslieferungs-Lagern beruhenden Vertriebsstruktur von Lindt & Sprüngli war dies nicht kompatibel. Die Schokolade verdarb, bevor sie bei den Konsumenten war.

Zum andern hatte Lindt & Sprüngli Anfang der 1970er-Jahre nicht nur die Gubor AG erworben, sondern mit der Nago Nährmittelwerke AG in Olten und der Chocola Grischun in Chur zwei weitere Fabriken. Daraus entstanden mehrspurige Abläufe, umso mehr, als zum Teil die gleichen Produkte hergestellt wurden.

Für Lindt & Sprüngli drängte sich deshalb eine Bereinigung auf, mit der die Gubor als eindeutig kleinster Betrieb über die Klinge springen musste. Am Hauptsitz in Kilchberg ZH wurden die massenintensiven Produkte konzentriert, in Chur mit den vergleichsweise tiefen Löhnen die personalintensiven. In Olten, wo unter anderem das Banago hergestellt wurde, wurde die Pulverproduktion konzentriert.

Keine Härtefälle

Obschon die Schliessung 1975 in eine Zeit fiel, als sich in der Uhrenindustrie eine erste Krise anbahnte, konnte diese gemäss Keller ohne Härtefälle über die Bühne gebracht werden. «Viele Angestellte waren Frauen und beschränkten sich in der Folge wieder auf ihre Aufgabe als Hausfrau. Für die Männer konnte das Mutterhaus in Olten Stellen anbieten, zudem baute dieses auf dem Gugelmann-Areal in Roggwil ein Exportlager auf, in dem eine Zeitlang sogar Kirschstängeli verpackt wurden. Auch dort fanden Mitarbeitende Stellen.

Trotz diesem abrupten Ende zählt Walter Keller die Zeit in Langenthal zu den schönsten seines Lebens. «Der Betrieb war wie eine grosse Familie», schwärmt er noch heute. Einrichtungen, die noch Gottfried Uebersax an die Hand genommen hatte, konnten vollendet werden. Zum Beispiel ein Schwimmbad auf dem Firmenareal. Anderes, wie eine betriebseigene Krankenkasse, konnte dank Lindt & Sprüngli im Rücken, endlich zum Funktionieren gebracht werden.

Uebersax begann nochmals von vorn

«Dies hat Gottfried Uebersax nicht geschafft», hält Keller fest. Trotzdem zieht er vor dem Unternehmer noch heute den Hut: «Als er die Gubor veräussern musste, hat er nochmals ganz von vorne begonnen und zusammen mit seinem Sohn in Melchnau einen Betrieb für Kunststoff-Tiefziehformen eröffnet. Er zog den Direktoranzug aus und zog sich wieder das Überkleid an.»

Der Autor sucht Personen, die weitere Informationen zur Geschichte der Gubor beitragen können. Kontakt E-Mail: juerg.rettenmund@mzbern.ch; Telefon: 062 919 50 23.