Tell
Als der Fuchs durch die Hohle Gasse kam

Diese Zeitung warf einen Blick hinter die Kulissen der Tellspiele in Interlaken. Vor Ort traf sie auf Wilhelm Tell und Werner Stauffacher höchstpersönlich. Sie sprachen über das Schweizer Heldenepos und den berühmt-berüchtigten Apfelschuss.

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Tell-Freilichtspiele

Tell-Freilichtspiele

Schweiz am Sonntag

von Kim Allemann (Text und Bilder)

Eiger, Mönch und Jungfrau verstecken sich hinter einer dicken Wolkenwand. Der Himmel ist grau. Links der Brienzersee, rechts der Thunersee, erstreckt sich unten flach das «Bödeli» - Interlaken, Matten und Unterseen - umgeben von Voralpen und Viertausendern. Hier vom Harder Kulm, dem 1322 Meter hohen Hausberg Interlakens aus, von welchem sich bei schönem Wetter eine eindrückliche Berg- und Tallandschaft offenbart, ist auch winzig klein die überdachte Zuschauertribüne der Wilhelm-Tell-Freilichtspiele zu erkennen.

Peter Wenger, Präsident der Spiele und Darsteller des Werner Stauffacher, deutet auf den länglichen Bau unten im Tal, am Rande des Waldes. «70 mal 80 Meter misst die Naturbühne. Sie ist die grösste Europas», sagt er stolz und fügt zwinkernd hinzu: «oder zumindest gehört sie zu den Grössten.»

Ein Wochenende in Interlaken und der Jungfrau-Region?

Wer die Tell-Freilichtspiele mit einem gemütlichen Wochenende in Interlaken verbinden will, dem bietet das Grand Hotel Beau Rivage ein umfangreiches Wilhelm-Tell-Arrangement. Es beinhaltet pro Person zwei Übernachtungen im Hotel inklusive grosszügigem Frühstücksbuffet. Weiter gehören ein 3-Gang-Wilhelm-Tell-Menü zusammen mit einem Darsteller der Tell-Festspiele, die Kutschfahrt vom Hotel zur Spielstätte und zurück, eine Eintrittskarte (beste Kategorie) zur Vorführung und ein 30-minütiger geführter Besuch hinter die Kulissen der Freilichtspiele dazu. Auch sind im Arrangement ein rustikales Zvieri enthalten. Das Jugendstil-Hotel verfügt zudem über ein Dampfbad, eine Sauna, ein Schwimmbad und einen Fitnessraum, zu welchen die Gäste freien Zugang haben. Der Buchungspreis beträgt pro Person im Doppelzimmer ab 567 Franken und im Einzelzimmer ab 661 Franken. Die Tell-Freilichtspiele finden jeweils um 20 Uhr an folgenden Daten statt: 28.7., 6.8., 8.8, 13.8., 15.8., 16.8. (14.30 Uhr), 20.8., 22.8., 29.8., 5.9. Infos zum Arrangement erhalten Sie beim Lindner Grand Hotel Beau Rivage in Interlaken, Telefon 033 826 70 07,
E-Mail: info.interlaken@lindnerhotels.ch
Weitere Tipps zu Ausflügen in die Jungfrauregion oder gemütlichen Schifffahrten auf
dem Brienzersee finden Sie unter
www.jungfraubahn.ch oder bei Interlaken Tourismus: www.interlaken.ch (kab)

Seit neun Jahren spielt der ehemalige Medienchef der Jungfraubahnen im Nationalepos mit. «Das ist nichts im Vergleich dazu, wie lange andere schon dabei sind», beschwichtigt er und erzählt von Anni Buchs, der ältesten Darstellerin. Seit 38 Jahren spielt sie mit. Über 1000 Mal stand sie auf der Freilichtbühne, aktuell als Hirtin der Ziegenherde, die ihre Geissen von der Alp hinunter ins Tal führt.
Auch Wilhelm Tell ist hier, um Fragen rund um das Stück zu beantworten. Er trägt Jeans, Turnschuhe und einen Kapuzenpulli, heisst eigentlich Sven Allenbach und ist, wenn er nicht als Tell auf der Bühne steht, Sportmoderator und Videojournalist beim Regionalfernsehsender TeleBärn. Peter Rubi brachte ihn vor zwanzig Jahren zu den Freilichtspielen.

«Er spielte schon damals den Wilhelm Tell. Wir arbeiteten im gleichen Gebäude. Oft schwärmte mir Peter von der tollen Atmosphäre vor», erinnert sich Allenbach. Als er sich schliesslich einige Jahre später die Spiele zum ersten Mal ansah, begeisterte ihn die Rolle des Arnold von Melchtal. Als diese frei wurde, sprach er vor.

Sieben Jahre lang spielt Allenbach den Unterwaldner, der auf dem Rütli gemeinsam mit dem Urner Walter Fürst und dem Schwyzer Werner Stauffacher die Schweizerische Eidgenossenschaft beschwor. Mit Rubi teilt er sich seit zwei Jahren die Rolle des Tell. Der 38-Jährige erklärt: «Die Sprechrollen sind alle doppelt besetzt, damit das Stück auch bei Krankheit oder Abwesenheit eines Schauspielers aufgeführt werden kann.»

Allenbachs Frau und die beiden Kinder spielen ebenfalls mit. «Dass ganze Familien vom Baby bis zur Oma mitmachen, kommt sehr häufig vor», sagt Wenger, dessen Frau ebenso auf der Bühne steht. Schliesslich werde pro Saison, nebst den 16 Aufführungen, an rund 50 Abenden geprobt. «Wir verbringen viel Zeit hier», sagt Allenbach. Man sei wie eine grosse Familie.
200 Schauspieler zählt das Stück.

«Allesamt sind Laien und stammen aus Interlaken und Umgebung», weiss Wenger. Ob denn auch ein Münchner mitspielen könne, will eine deutsche Journalistin wissen. «Durchaus», sagt Wenger und fügt grinsend hinzu: «Der müsste dann allerdings einen Habsburger spielen.»

1912 wurden die Tell-Spiele in Interlaken ins Leben gerufen. «Ein Lehrer von Matten hatte die Idee, mit seinen Schülern einige Szenen aus Friedrich Schillers Drama aufzuführen», erzählt Wenger. Bereits damals stiessen die Aufführungen auf Begeisterung und wuchsen bis heute stetig. «Nicht gespielt wurde während den beiden Weltkriegen.» Seit 1947 wird Schillers Wilhelm Tell wieder aufgeführt. Alle drei Jahre wird das Stück neu inszeniert. Über zwei Millionen Besucher haben die Tellspiele bisher gesehen und sich von den Laien-Schauspielern begeistern lassen.

Wenger erklärt sich die Beliebtheit des Stückes nicht zuletzt durch die vielen Tiere - Pferde, Esel, Kühe, Hunde und Ziegen -, die beim Publikum einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber auch mit der Geschichte der Schweiz, die durch die Sage von Wilhelm Tell verkörpert wird. «Klar mögen nicht alle Episoden aus Schillers Werk stimmen», sagt Wenger und blickt zu Allenbach, alias Tell: «Ob du den Apfel geschossen hast, wie du ihn geschossen hast und wann, ist nicht klar. Doch jeder Durchschnittsschweizer hat Schillers Heldenepos als ein Stück Schweizer Geschichte akzeptiert»

Einige Stunden nach dem Gespräch auf dem Harder Kulm, eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn, gewährt Peter Wenger einen Blick hinter die Kulissen: In den Garderoben herrscht Hochbetrieb. Gessler marschiert im Stechschritt zur Maskenbildnerin, die letzten Pferde, grazile, stolze Wesen mit glänzendem Fell, werden von ihren Besitzern in die Boxen geführt.

Bald werden sie als Gesslers Gefolgschaft im Galopp durch die enge Freilichtbühne preschen und das Publikum begeistern. Hinter der Bühne erinnert Wenger sich an einen Fuchs, der einmal, als er als Stauffacher seinen Auftritt hatte, durch die Hohle Gasse kam und seelenruhig die Bühne überquerte. Das Publikum habe gelacht und er schliesslich auch.

Wie Der Trick mit dem Apfelschuss funktioniert, will Wenger partout nicht verraten. Auf die Frage antwortet er verschmitzt: «Wir werden Ihnen das gleich bei der Vorführung zeigen.» Doch als die berüchtigte Szene schliesslich folgt, bleibt das Geheimnis gut gehütet. Sie spielt sich so schnell und reibungslos ab, dass der Zuschauer bis zum Schluss ahnungslos bleibt.

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