Rainer Sommerhalder

Zu behaupten, das Leben von Matthias Merz verlaufe monoton, wäre eine pure Frechheit. Die aufregenden Wochen und Monate begannen ausgerechnet an jenem Tag im letzten August, an dem die Gefühlswelt des Schweizer Weltklasse-Orientierungsläufer für einige Stunden kopfstand – am Tag der WM-Staffel. Merz lief als Weltmeister ins Ziel, jubelte, realisierte, dass das Spitzenquartett nur wegen eines Zwischenfalls noch immer im Wald war, und verlor danach zumindest emotional diese Goldmedaille gleich wieder.

Geblieben war ihm eine Prellung an der Ferse nach einem Tritt auf einen spitzen Stein. Diese Verletzung beeinträchtigte nicht nur den Einzelwettkampf der WM entscheidend, sie führte in Folge auch zu einer Fehlbelastung. Im Verlauf des Herbstes kam es sogar zu einem Ermüdungsbruch im Wadenbein. Anstatt zu trainieren, konnte sich Merz so immerhin auf den Abschluss seines Studiums zum Bauingenieur konzentrieren. Seit Ende Januar fällt beim Krauskopf aus Beinwil am See die Doppelbelastung Ausbildung und Spitzensport nun weg. Es ist das erste Mal, seit Merz an der Weltspitze mitläuft, dass er sich ausschliesslich auf den OL konzentrieren kann.

Zum Studienabschluss belohnte er sich gleich selber mit einem einmonatigen Ferienaufenthalt in Neuseeland. Ferien? «Für mich waren es Ferien, für jeden anderen wäre es wohl ein sehr hartes Trainingslager gewesen», schmunzelt der Seetaler. Zwei Trainings waren an der Tagesordnung. Wo andere durch die Nationalparks wanderten, rannte Merz durch die wunderschöne Natur.

Merz in Finnland hoch gehandelt

Und nun der Umzug nach Finnland. Dort wird der zehnfache Medaillengewinner an Welttitelkämpfen bis zur WM 2010 leben. Bei der Wahl seines Standortes ging es fast zu und her wie auf dem Transfermarkt der Fussballprofis. «Ich konnte aus verschiedenen interessanten Angeboten auswählen», sagt Merz. Schweizer Orientierungsläufer sind, seit sie den eigenen Aushängeschildern um die Ohren laufen, in Skandinavien begehrt. Dort ist der Vereinsstatus viel wichtiger als in der Schweiz. Die Klubs duellieren sich regelmässig in grossen Staffelwettkämpfen.

Die grösste davon, die Jukola mit rund 15000 Wettkämpfern, sorgt dafür, dass Merz in Finnland auch Abwechslung zum Training findet. Denn der Beinwiler entschied sich schliesslich für seinen angestammten Zweitverein in Skandinavien, den Rajamäen Rykmentti. Dort verbrachte er bereits in der Vergangenheit einen Sommer zwecks orientierungstechnischer Weiterbildung. Und die Finnen organisieren in diesem Jahr die Jukola. Merz wurde im Organisationsteam ein Job angeboten. «Dieser Ausgleich ist mir wichtig, denn mehr Trainings heisst nicht automatisch mehr Fortschritte», sagt Merz.

Trotz Nebenverdienst nennt sich Merz nun OL-Profi. Wie lange er ausschliesslich auf den Sport setzt, will der 26-Jährige im Herbst entscheiden. Sicher stehe die Heim-WM 2012 in Lausanne im Fokus, aber das Training könne er ja auch mit einer Teilzeit-Anstellung als Bauingenieur verbinden. Vorerst gilt die ganze Aufmerksamkeit den Weltmeisterschaften in Norwegen vom August. In den letzten 20 Jahren zerrissen die Schweizer Männer an Titelkämpfen in Skandinavien nie grosse Stricke. Zu sehr wirkte sich der Heimvorteil der Skandinavier aus. Heute sei die Ausgangslage aber anders, meint Merz: «Praktisch jeder Läufer der Nationalmannschaft bereitet sich während Monaten in Skandinavien vor. Es fand eine grosse Professionalisierung statt. Zudem verfügt die Schweiz über eine ganze Gruppe mit Potenzial für Medaillen.» Zumindest eine davon soll im Sommer für Matthias Merz reserviert sein.