Mit dem Abschaltenaller Signale im Cockpit schaltete sich die Schwarm-Fantasie ein. Seither ist diese «Blackbox» ein Gefühl von uns allen. Noch immer ist die Boeing 777 der Malaysia Airlines verschollen. Abgestürzt, entführt oder in einer fernen Wüste gelandet? Noch immer suchen 26 Länder fieberhaft nach der Maschine. Und zum sagenhaften Gespensterschiff des «Fliegenden Holländers» kommt in der Luft der Geisterflug MH370.

Wir lernten in den jüngsten Jahren: Ich kann irgendwo mit einem Tempo-Taschentuch wedeln, nicht ohne dass es ein technisches Auge im Äther bemerkte. Das Drohnengefühl ist in den Alltag eingesickert. Man kann übers Smartphone sich selber verfolgen, wie man als Punkt durch eine durchkartografierte Landschaft flippert, selbst wo man Weiler besucht wie «Höllwinkel» oder «Ewigkeit». Google-Streetview kann dich an jeder Ecke in flagranti erwischen. Hauchst du spät nachts «Tschüss, Schatz» ins Handy, hören Server-Ohren automatisch mit, egal wo, egal wozu. Wo war die NSA jetzt? Hier, wo man sie bräuchte? Wäre die totale Überwachung ihrerseits eine Täuschung?

Wir lernten, mit den Schultern zu zucken: «Wer nichts Böses tut, hat auch nichts zu verbergen.» Aber es kann einem noch immer passieren, bös im Verborgenen zu enden. Darum stehen wir jetzt da, abermals überrumpelt: Ein Apparat, gelenkt, verfolgt, überwacht von Dutzenden von Radarfächern, Hunderten von Funklinien wie von unsichtbaren Schnüren, kann auch heute noch aus diesem quer über den Himmel gespannten Leuchtdioden-Netz fallen und mit Mann und Maus verschwinden. Es genügt, die Systeme ganz einfach abzuschalten (so einfach sei das übrigens nicht, sagen Aviatik-Experten: Man müsse hierfür in eine Metallkatakombe unter dem Cockpit steigen, zudem sei erhebliches Fachwissen nötig).

Eben darum: Was wäre schwieriger heute, dachten wir Laien, als ein Flugzeug für Beobachter total zu verdunkeln, vom Kurs zu beamen, einfach aus den vielfach geschichteten Luftfahrtkorridoren zu wischen? Selbst wo wir in der S-Bahn unser Handy abschalten, fühlen wir uns irgendwie weiter vernetzt. Wir glauben gar nicht mehr daran, wirklich abschalten zu können. Selbst unser Atem, so begannen wir zu empfinden, sei irgendwie verpixelt und kinderleicht zu entschlüsseln.

Hier ist offenkundig das ganz Andere geschehen. Keine Spur führt bis heute zum Schicksal zurück, das 239 Menschen an Bord ereilte, in welcher Form auch immer. Da stürzte sich neulich ein Lunatiker vom Rand der schwarzen Leere aus einer Ballonkapsel zurück zur Mutter Erde. Und nicht eine Zehntelsekunde davon blieb undokumentiert. GoPro-Kameras machen jeden zum «Hero». Sei es als Bungee-Jumperin, als Kletterer, als Taucher unter Haien. Sofort verbreitet sich jedes noch so abseitige «Abenteuer» in «Echtzeit» über die Sozialplattformen. Selbst aus einem der vier entführten Flugzeuge, die an 9/11 zur Terrorwaffe umgepolt worden waren, schickten Unglückliche per Handy noch Filmchen und Botschaften: «Let’s roll!» Und jetzt donnert ein ganzes Flugzeug sechseinhalb Stunden lang durch die Nacht, ohne dass – angeblich – irgendjemand irgendwas bemerkte.

Unweigerlich fallen einem Filmthriller ein, die sich häufig solcher Plots bedienen. In die Normalität bricht so gewaltsam wie spektakulär Wirres. Und dann jagen sich Geheimdienste, Militärs, Einzelkämpfer und Terroristen. Für reichlich abstrus haben wir solche Plots gehalten. Jetzt stehen sie im Vordergrund. Wenigstens so lange, bis sich eines der wahrscheinlicheren Szenarien bewahrheiten sollte: die banale Katastrophe. Noch ängstigen, faszinieren uns aber Rätsel. Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. So soll E.T. mit einem gigantischen Schlauch das Flugzeug vom Himmel gesogen haben. Bizarre Informationen lassen Gerüchte nach allen Seiten wuchern: der private Simulator eines Piloten. Seine angebliche Sympathie für einen oppositionellen Politiker, verleumdet wegen Homosexualität usw. Und dann diese vier letzten Worte aus dem Cockpit: «Alles klar, gute Nacht.»

Die Nacht ist seither nicht mehr gewichen. Die halbe Welt tappt seit elf Tagen im Dunkeln. Dauert das Mysterium an, könnte Flug MH370 zu einem Albtraum geisterhafter Ruhelosigkeit werden, nicht anders als der schon erwähnte «Fliegende Holländer». Und damit zu einem Bild für die Existenz des unerlösten Menschen. Die Technik ist längst daran, solche archaischen Grundempfindungen auszutrocknen. Je lückenloser sie spielt, desto weniger stark ist das Gefühl, in die Nacht, ins Nichts zu fallen.

Jetzt hat sich diese Lücke aufgetan. Mit einem Umfang von mehreren Millionen Quadratkilometern.