Bankkundenkarten

Alice fischte mit Fonduegabel Bankbriefe

Eine Inkassobuchhalterin (56, nach Unfall arbeitslos, von Sozialhilfe abhängig) hat mit gewisser Raffinesse und Dreistigkeit Briefe von Banken aus dem Briefkasten anderer Frauen gefischt und dann Bankkundenkarten nachbestellt. Sie kommt glimpflich davon.

Peter Weingartner

Alice (Name geändert) schämt sich ihrer Taten; zuweilen bricht sie vor dem Bezirksgericht Aarau (Vorsitz Karin Von der Weid-Gygax) in Tränen aus. Und mit ihrem Erinnerungsvermögen ist es nicht zum Besten bestellt. Ihr Vorgehen aber entbehrt nicht einer gewissen raffinierten Planmässigkeit. Wer hat schon eine Fonduegabel im Auto? Und wer erdreistet sich, an einem leerstehenden Haus einen Briefkasten mit einem Namen zu versehen, der auf einem Brief stand, den sie aus einem Briefkasten gefischt hat?

26 000 Franken abgehoben

Alice gesteht. Ja, sie hat in Aarau eine Gutschriftanzeige der Kantonalbank gefischt. Mit den Daten darauf meldet sie den Verlust ihrer Bankkundenkarte und erhält prompt Ersatz. Der Clou: Sie fängt die Karten beim ersten Mal nicht ab, bestellt erneut eine Karte, und jetzt fischt sie die Karte samt PIN-Code aus dem Kasten. 13-mal hebt sie an den Tagen darauf an Automaten zwischen Baden und Rothrist, Reinach und Muri je 2000 Franken ab. Dabei trägt sie eine Perücke, hat Psychopharmaka und Schmerzmittel intus.

Von Planmässigkeit will sie vor Gericht nichts wissen. Sie hat Mühe, ihre Motivation zu beschreiben. Einmal so aufgestellt sein wie die Frau im Garten, an dessen Hag der Briefkasten befestigt ist? Die Hoffnung, so ein anderer Mensch zu werden? «Geldknappheit?», fragt die Gerichtspräsidentin. Nein, eigentlich nicht, sagt Alice. Ins Brillenetui habe sie das Geld gelegt. Gut, Rechnungen habe sie schon bezahlt mit dem Geld.

Ihr Doppelleben hat die Frau ihrem Lebenspartner und ihrem Psychologen gegenüber verschwiegen, und deshalb sei sie doch erleichtert gewesen, als eines Tages die Polizei vor ihrer Haustür gestanden sei: Endlich mit jemandem darüber reden! Das Geld habe sie auf eine deutsche Bank gebracht, um nicht so leicht Zugang zu haben.

Noch abenteuerlicher erscheint der zweite Fall. Nachdem sie bei einer ehemaligen Lebenspartnerin im Kanton Zürich nach bewährtem Muster einen einschlägigen Brief geklaut hat, bestellt sie wieder Karten. Auch hier - der Verteidiger hütet sich allerdings, den Banken einen Vorwurf zu machen - bestellt sie Bankkarten samt PIN-Codes. Die erste Lieferung kommt nicht an, da der Briefkasten in einem unbewohnten Haus im Suhrental nicht beschriftet ist. Beim zweiten Mal klappts, doch Alice hat Pech: Als sie die tägliche Bezugslimite auf 10 000 Franken erhöhen will, zieht der Automat der Migrosbank die Karte ein. Das Opfer hat sie sperren lassen.

Mit brokatgelbem Auto

Das Gericht verurteilt Alice zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu 30 Franken bei einer Probezeit von drei Jahren, 1000 Franken Busse und Wiedergutmachung des Schadens. Das ist die Hälfte der beantragten Strafe der Staatsanwaltschaft. In zwei ähnlichen Fällen, bei denen niemand zu finanziellem Schaden gekommen ist, wird Alice freigesprochen. Dies, obwohl ein als Zeugin vorgeladenes Opfer Bankbelege vermisst und ein gelbes Auto gesehen haben will. Alice hat ein «brokatgelbes» Auto, will aber zur mutmasslichen Tatzeit nicht dort gewesen sein. Brokatgelb, darauf legt die Frau Wert.

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