Niederamt

Aldi statt Bioladen, Hallenbad statt Meer

Einblick in das Schlafzimmer der Alleinerziehenden Mutter mit zwei Töchtern. Sie lebt unter dem Existenzminimum in Dulliken. Aufgenommen am 4. Februar 2010.

Aldi statt Bioladen, Hallenbad statt Meer

Einblick in das Schlafzimmer der Alleinerziehenden Mutter mit zwei Töchtern. Sie lebt unter dem Existenzminimum in Dulliken. Aufgenommen am 4. Februar 2010.

Marion Fischer* ist alleinerziehende Mutter einer 4- und einer 11-jährigen Tochter. Seit der Geburt der zweiten Tochter kauft sie bei Aldi ein. Biologische Lebensmittel wären ihr lieber.

Sabine Kuster

Das Haus der Familie Fischer im Niederamt ist geheizt und es gibt jeden Tag genug zu essen. Dennoch leben Mutter Marion und die beiden Töchter, 4- und 11-jährig, in ärmlichen Verhältnissen. «Schweizer Armut ist nicht mit Armut in einem Entwicklungsland zu vergleichen», sagt Rebekka Wieland von Caritas Aarau, «man muss die Verhältnisse der Menschen hier miteinander vergleichen.» Ein Mensch müsse schliesslich in jener Gesellschaft bestehen können, in der er lebe. Die Caritas betreut die Familie Fischer im Rahmen des «mit mir»-Projektes, das Gotten und Göttis an benachteiligte Kinder vermittelt. Dabei geht es nicht um finanzielle Patenschaften, sondern darum, zusammen Zeit zu verbringen. Die 4-jährige Sonja hat eine solche Patin.

Die Väter sind abwesend

Sonja hat ihr Prinzessinnenkleid angezogen. Viel lieber wäre ihr, wenn die Erwachsenen, statt zu reden, mit ihr spielen würden. Sie turnt in der Stube herum und möchte ein bisschen Aufmerksamkeit. Dann holt sie das Fotoalbum, wo ein Mann auf einem Bild ein Baby in den Armen hält. «Das bin ich und das ist mein Vater», sagt sie, «aber er kommt nie.»

Schon die Beziehung zum Vater der älteren Tochter Mirjam klappte nicht und so erzog Marion Fischer sie allein und arbeitete nebenbei 60 Prozent in einem Bio-Laden. Erst Sonja, die sie vor vier Jahren kriegte, brachte ihr Leben durcheinander. Sie war nicht geplant. Ihre Arbeit musste die Mutter aufgeben, die Gemeinde zahlte drei Jahre lang Sozialhilfe. Alleinerziehende Mütter in finanzieller Not kriegen diese Hilfe ohne die Auflage, eine Arbeit zu suchen, nur in den ersten drei Lebensjahren des Kindes.

Danach arbeitete Marion Fischer 40 Prozent als Betreuerin in einem Hort. Doch sich neben ihren eigenen Kindern auch noch um andere zu kümmern, war ihr zu anstrengend. Auch die Betreuung von Sonja zu organisieren, kam belastend hinzu. Momentan bezieht die gelernte Schneiderin Arbeitslosengeld und sucht eine Stelle im Verkauf oder im Service.

«Ich bereue, dass ich keinen anderen Beruf gelernt habe», sagt die 48-Jährige, «das lässt sich nicht mehr korrigieren.» Schneiderin lernte sie damals, weil alle in ihrer Familie Schneider waren und weil sie sich ohnehin schwertat mit der Berufswahl.

Möbel aus der Brockenstube

Auf den ersten Blick sehen die Zimmer aus wie eine ganz normale Zimmer des Mittelstandes in einem modern-alternativen Stil. Auf den zweiten Blick erinnern die bunt zusammengewürfelten Möbel, mit kaum Elektronikgeräten und vielen offene Ablagen und Gestellen an eine Studentenwohnung.

«Das ist alles aus der Brockenstube oder von der Heilsarmee», erklärt sie. Der Fernseher in der Ecke zeigt nur DVDs. Die Fernsehgebühren spart sich Fischer. Dafür gibts einmal pro Woche für jede eine DVD für zwei Franken aus der Bibliothek. Internet hat Fischer erst seit zwei Wochen wegen eines billigen Kombiangebotes einer Telekommunikationsfirma.

Vieles kauft sie bei Aldi. Obwohl ihr billige Grossisten und schlechte Qualität eigentlich gegen den Strich gehen. «Wenn ich wählen könnte, würde ich mich nur biologisch ernähren», sagt sie. Doch biologisch sind nur die Joghurte aus dem Coop und das Gemüse kann sie günstig bei einem IP-Bauern in Winznau kaufen. «Ich komme häb, chläb durch», sagt sie.

Zu Weihnachten ein Hirsekissen

Zu Weihnachten kriegte die grosse Tochter ein selbst genähtes Hirsekissen und Süssigkeiten. Der kleinen Tochter strickte sie ein Täschchen und steckte einen Kinder-Fingerring hinein.

Die Mutter musste lernen, dass es nicht gut ist, die Kinder ständig auf die knappen Finanzen hinzuweisen. «Sonst müssen sie die Last mittragen.» Das Schullager von Mirjam und den Tanzkurs bezahlt immerhin deren Vater. Der Flötenunterricht geht auf Kosten der Gemeinde.

Es geht. Mit den 400 Franken, die Sonjas Vater extra schickt, bezahlt Marion Fischer das Benzin fürs Auto. Eine Teilkaskoversicherung hat sie nicht. Fleisch gibts zweimal in der Woche, einmal Fisch. Ferien oder einen Ausflug hat sie keine mehr gemacht, seit Sonja auf der Welt ist. Auch im Kino war sie seither nicht mehr. «Nicht nur wegen der Finanzen, es lohnt sich für mich mit den Kindern nicht», sagt sie. «Zu viel Organisation und Sonja ist für vieles noch zu klein. Zu Hause können die Kinder sich auch selbst beschäftigen – gingen wir zusammen in die Ferien, hätte ich noch weniger Zeit für mich.»

Kritik am Sozialsystem

Manchmal gehen sie auf die Eisbahn, ins Hallenbad oder spazieren zu einem Bauernhof, wo man Tiere streicheln kann. Zeit für sich hat die Mutter abends, wenn die Kinder schlafen. Dann liest sie ein gutes Buch.

Marion Fischer ist nicht zufrieden mit dem Sozialsystem. Sie sagt: «Es wird zu wenig Geld investiert. Kinder sind unsere Zukunft. Wenn sie keinen guten Boden haben, um aufzuwachsen, kommts nicht gut.» Sie findet den Mutterschaftsurlaub zu kurz und zudem fehlten flexible und günstige Möglichkeiten, Kinder in einen Hütedienst zu geben.

Doch für ihre Familie ist sie optimistisch: «Es ist eine Frage der Zeit, bis es besser wird», sagt sie. «Sobald Sonja in die Schule kommt, kann ich mehr arbeiten, habe mehr Freizeit und kann mir hoffentlich eine grössere Wohnung leisten.» Bis dahin wird Sonja im Zimmer der Mutter schlafen.

*alle Namen der Familie geändert

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