Hochgebirge
«Achtung Gipfelpolizei!» – So will Nepal am Everest für Ordnung sorgen

Der Mount Everest ist zum Abenteuer-Spielplatz geworden – die nepalesische Regierung will dies nun ändern. Begleitteams mit Verbindungsoffizieren sollen auf dem Dach der Welt für Ruhe und Ordnung sorgen.

Michael Hugentobler
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Ob das der Gipfelpolizei genehm ist? Ein Bergsteiger mit einer Nepal-Flagge auf dem Everest.

Ob das der Gipfelpolizei genehm ist? Ein Bergsteiger mit einer Nepal-Flagge auf dem Everest.

Keystone

Der Mann stand auf 6700 Metern am höchsten Berg der Welt und er betete zu Gott, obwohl er gar nicht an Gott glaubte. Der Himmel war jetzt nicht mehr klar, er war eine dunkle Masse, fast schwarz. Der Mann fror und er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Eigentlich waren es mehrere Fehler. Es begann schon damit, dass er keine Uhr hatte, da er sich solche Dinge nicht leisten konnte, und somit wusste er nie, welche Zeit gerade ist. Ferner hatte er kein richtiges Zelt dabei, und jenes, das er selber gebastelt hatte, war soeben vom Wind zerfetzt worden. In seinem Gepäck gab es keinen Flaschensauerstoff, da ihm auch dazu das Geld fehlte. Ihm fehlte ein richtiger Schlafsack, eine offizielle Erlaubnis, den Berg überhaupt betreten zu dürfen sowie solides Klettertraining. Dem Mann fehlte eigentlich alles. Er war 31 Jahre alt und suchte nach dem Sinn des Lebens. Das war 1947, er hiess Earl Denman und war einer der ersten Amateure am Mount Everest – der Prototyp der Amateur-Bergsteiger so zusagen. Unzählige sollten ihm noch folgen.

Der Erste, der sich nackt auszieht

In den 66 Jahren nach Earl Denman wurde der Berg zum Abenteuer-Spielplatz und zum Millionen-Business. Jedes Jahr wollen Hunderte von Bergsteiger zum Gipfel, und viele von ihnen haben weder die nötige Fitness noch das nötige Können. Parallel zu den Laien klettern auch die Profis hoch, denn um Geld verdienen zu können, müssen sie ihren Sponsoren eine atemberaubende Idee liefern. Alle gehen zum Everest, obwohl es schönere und schwierigere Berge gäbe, aber der Everest ist nun mal der Höchste und der Berühmteste.

Alpen: Polizei auf dem Mont Blanc

Auch auf dem Mont Blanc greift nun die Polizei durch. Frankreich schickt Ordnungshüter auf den höchsten Berg der Alpen, um die Bergsteiger zu kanalisieren. Das berichtete SRF diese Woche in einem Beitrag der Sendung «10 vor 10». Die Zahl der Gipfelstürmer soll von 500 auf 300 pro Tag reduziert werden. Ausserdem soll Littering und wildes Campieren unterbunden werden. Oberhalb des bewilligten Zeltplatzes auf 3200 Meter über Meer ist Campieren nicht gestattet, und den Müll sollen die Alpinisten gefälligst wieder runtertragen. (NCH)

Im Frühjahr sind dort jeweils so viele Menschen, dass sie sich an den Seilen stauen. Die einen wollen auf den Gipfel, um sich einen Traum zu erfüllen, die anderen wollen einen Rekord brechen. Ein Bergsteiger will der Schnellste sein, an anderer will die gefährlichste Route wählen; sie wollen die älteste Frau oder der älteste Mann sein, der erste Beinamputierte, der erste Mann, der sich auf dem Gipfel nackt auszieht, oder der Erste, der den Kopfstand macht. Auf dem Everest geht es drunter und drüber. Davon hat die nepalesische Regierung jetzt genug.

«Wir werden neue Kriterien in Bezug auf Erfahrung und technisches Können für die Bergsteiger setzen», liess die Regierung verlauten. In Zukunft sollen nur noch geübte Menschen klettern dürfen. Neu sind solche Bestrebungen nicht. Immer wieder in der Geschichte des Bergsteigens gab es jene, die bereit waren, viel zu riskieren, und andere, die der Ansicht waren, sie müssten die Bergsteiger vor sich selber zu schützen.

Die Beamten steigen auf

Die nepalesische Regierung versuchte schon in der Vergangenheit, die Bergsteiger zu kontrollieren. Jeder Expedition wurde ein «Liason Officer» zugewiesen, ein Verbindungsoffizier, der die Expeditionen zwischen 1500 und 3000 Dollar kostete. «Dieses System werden wir jetzt umkrempeln», sagt Surendra Sapkota von der Abteilung «Trekking und Expeditionen» des nepalesischen Tourismusministeriums gegenüber der «Nordwestschweiz».

Jetzt würden nicht mehr einzelne Verbindungsoffiziere die Expeditionen begleiten, sondern ein ganzes Team. Nur so können sie den Ansturm auf dem Berg bewältigen. Sie sollen ab nächstem Jahr während der Bergsteigersaison im April und Mai aus der Hauptstadt Kathmandu ins 5400 Meter hoch gelegene Basislager verlegt werden und für Ruhe sorgen.

Ihre Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass Bewilligungen eingehalten werden, damit nicht schon wieder passiert, was diesen Frühling passierte, als sich einer der Bergsteiger auf dem Gipfel in die Live-Sendung von BBC einschaltete und sich die nepalesischen Beamten nervten, dass wieder mal einer versucht hatte, die 1500 Dollar zu sparen, die eine Gebühr für Fernsehsendungen kostet. Aber die Verbindungsoffiziere sollen auch zusehen, dass die neuen BergsteigerRegeln eingehalten werden, sie sollen bizarre Rekordversuche gleich vor Ort unterbinden, sollen Gipfelerfolge kontrollieren, Rettungen koordinieren oder sicherstellen, dass auf die Umwelt Acht gegeben wird.

Überforderte Bürotäter

Der Schweizer Expeditionsveranstalter Kari Kobler sieht die geplanten Massnahmen als nette Bemühung, zweifelt aber an der Durchführung. Kobler war 13-mal mit professionellen Expeditionen am Everest, fünf Mal stand er auf dem Gipfel. «Die Verbindungsoffiziere tauchten so gut wie nie auf», sagt Kobler. Und wenn sie denn auftauchten, seien sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Darum nützt auch eine Verstärkung nichts. «Die Regierungsmitarbeiter sind sich einen Job in einem Büro in Kathmandu gewöhnt, sie wissen nichts von den Bergen», sagt Kobler. In den 20 Jahren, während denen er nach Nepal reiste, könne er sich nur an einen einzigen Verbindungsoffizier erinnern, dessen Erfahrungen für die Berge ausgereicht hätten.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die nepalesische Regierung härter durchgreifen will. Anfang Jahr ging die Meldung um die Welt, ein Streit zwischen Sherpas und westlichen Bergsteigern sei eskaliert. Es wird wohl nie restlos geklärt sein, was beim Streit genau passierte oder wie viele Personen dabei waren – einmal ist die Rede von ein paar Dutzend, einmal von über hundert. Als Tatsache kann jedoch angenommen werden, dass der Schweizer Bergsteiger Ueli Steck involviert war und sich zu Tode fürchtete, als der Streit ausartete. «Dieser Streit und die illegale Live-Schaltung diesen Frühling brachten das Fass zum Überlaufen», sagte Surenda Sapkota kürzlich zur indischen Zeitung «The Hindu». Ueli Steck wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern.

Vom Bergsteiger zum Journalisten

Auf dem Everest, dem höchsten Berg der Welt, ist es in den letzten 66 Jahren sehr eng geworden. Dass es jemals so weit kommen würde, hätte Earl Denman nie gedacht, als er im Frühjahr 1947 zu einem Gott betete, an den er gar nicht glaubte. Aber er machte seine Erfahrung mit einer anderen Art von Gipfelpolizei. Er kletterte vom Berg herunter, fuhr nach Kolkata und dort ging ihm das Geld endgültig aus und er schlug sich als Journalist durch.

Ein Jahr später wollte er nochmals auf den Everest, aber in der Zwischenzeit hatten die Behörden von seinen illegalen Grenzübertritten erfahren. Er wurde jetzt polizeilich gesucht. Er traute sich nicht mehr in die Nähe des Berges. Und der Gipfel des Mount Everest rückte für ihn in unerreichbare Ferne.

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