Ich bin skeptisch. 5000 Kilometer organisiertes Reisen im Bus – kommt das gut? Vorsichtshalber vermeide ich die weite Anfahrt von Zürich nach Warschau und stosse erst in Polen zur Reisegruppe; ich mache auch nicht die ganze Tour mit; Russland und Finnland lasse ich aus. Allzu lang ist ungesund, denke ich.

In Warschau nehme ich im aus der Schweiz angereisten Bus auf dem für mich reservierten Ledersessel mit der Nummer 7A Platz. Ein Einzelsitz. Ich werde in den nächsten Tagen viele Stunden darin verbringen. Ich sitze sehr bequem; der Sessel ist vielfach verstellbar, und die persönliche Steckdose erweist sich bei geschätzten 25 Handys, 20 iPads und 15 Digitalkameras meiner Mitreisenden als hilfreich.

Es hat stets kühle Getränke an Bord und eine leistungsstarke Kaffeemaschine; die Bordtoilette verhindert notfallmässige Pausen zur Unzeit. Wir sind 25 Passagiere; der Bus hat Platz für 30 Personen; pro Reihe sitzen drei Passagiere.

Diese Länder bereiste der Autor

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Die Busreise beginnt mit einer Sightseeing-Tour, das befürchtete ständige Ein- und Aussteigen hält sich in engen Grenzen; ich erfahre Warschau bequem von Sitz 7A aus. Der polnische Reiseleiter Pawel führt und zeigt und erzählt. Warschau hat heute rund zwei Millionen Einwohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt zu 90 Prozent zerstört. 700'000 Warschauer verloren ihr Leben. Inzwischen ist die historische Altstadt wieder aufgebaut, das neue Warschau muss den Vergleich mit den andern Grossstädten Europas keineswegs scheuen.

Auf der Fahrt durch Polen in Richtung Masuren stelle ich fest, wie ruhig der Bus fährt, ich kann während der Fahrt lesen, und ich kann auch mühelos einschlafen. Das Audio-System erweist sich dabei als äusserst angenehm: Ich kann den Reiseleiter Pawel einfach ausschalten, wenn ich nicht mehr zuhören mag.

Am Steuer sitzt der Zeller Markus. Er fährt mit der Erfahrung von vier Millionen Reisekilometern; hundertmal hat der Innerschweizer mit dem Bus bereits die Erde umrundet. Da fühlt man sich sicher und gut aufgehoben. Bis zur litauischen Grenze fährt Pawel mit. Im Hauptberuf ist er Kindergärtner. Aber als Reiseführer in Teilzeit, der Deutsch sprechenden Touristen sein Land näher bringt, verdient er deutlich besser.

Unterwegs schildert er die bewegte Geschichte Polens; unterschwelliger Zynismus schwingt mit, wenn er auf die hässlichen sowjetischen Plattenbauten und leerstehende Kasernen weist. Über eine Million Polen haben seit 2004 das Land verlassen. Die grösste polnische Stadt nach Warschau ist Chicago. Pawel sorgt sich.

Die Fahrt auf schmalen Strassen durch Masuren im Nordosten Polens wird zum meditativen Gleiten durch Raum und Zeit. Vor den Fenstern zieht die grossartige Landschaft vorbei. Dichte Wälder, Seen, einsame Holzhäuser, weite Felder, wieder Seen, Kanäle, vereinzelte Dörfer, einsame Kirchen und noch mehr Seen. Störche stehen am Strassenrand, als hätten sie auf uns gewartet. Im Bus ist es ruhig; wer mag, hört Pavel zu, der zwischendurch erzählt, was man hier alles sehen und erleben könnte, wenn der Bus anhielte und man aussteigen könnte. Der Bus hält nicht an.

Aggressive Frömmigkeit

Nahe der litauischen Grenze hält der Bus vor der Wallfahrtskirche zur Heiligen Linde, die vom Jesuitenorden professionell betrieben wird. Mehrmals täglich erklingen die 4965 Pfeifen der gewaltigen Orgel. Darauf bewegen sich die Engelsfiguren: Einer wackelt mit der Trompete, einer zupft die Gitarre, Maria wiegt das Jesuskind im Takt. Nach dem kurzen Konzert kommen Jesuitenpatres bei jedem einzelnen Kirchenbesucher vorbei und strecken den geflochtenen Weidekorb für die Spende entgegen, entkommen ist unmöglich.

Auf der öffentlichen Toilette, die zum Areal des Klosters gehört, wachen Nonnen
mit strengem Blick darüber, dass auch alle Toilettenbesucher ihren Obolus entrichten.
An einem der zahlreichen Souvenirstände rund um die barocke Wallfahrtskirche kaufe ich einer Frau eine einfache Tischdecke ab, die sie mit masurischen Motiven bestickt hat. Worauf sich die Frau bekreuzigt, sich umdreht und ein Dankgebet Richtung Kirche schickt. Erstmals fühle ich mich wie ein richtiger Bustourist und bin froh, als ich wieder einsteigen und mich auf meinen 7A zurückziehen kann.

Deftiges in Litauen

In Vilnius, der litauischen Hauptstadt, regnet es. Die Stadtführung wird vor allem zur Kirchenbesichtigungstour. 49 Kirchen gibt es nur schon im Zentrum der Stadt. «Wenn du keine Kirche mehr siehst, bist du nicht mehr in Vilnius», sagt die Lettin Elisabeth, die Pawel abgelöst hat.

Das wird mir etwas viel, ich verabschiede mich von der Gruppe und teste das gastronomische Angebot der Stadt. Für Litauens Küche seien eher deftige Kartoffel- und Fleischgerichte mit Gemüse typisch, lasse ich mir sagen und bestelle mir deshalb genau das, was ringsum die Einheimischen essen: Den Zeppelin; ein gigantischer Kartoffelkloss, von der Form her tatsächlich an das gräfliche Luftschiff erinnernd, frittiert und mit Hackfleisch gefüllt.
Später merke ich, dass das Himmelsschiff keine optimale Wahl war; der Zeppelin beschäftigt mich stundenlang.

Auf der Weiterfahrt im Bus lese ich nach, was ich verpasst habe: Vilnius hat 540'000 Einwohner und eine der schönsten Altstädte im Osten Europas, ist Unesco-Weltkulturerbe und hat eine leidvolle Geschichte: Krieg, Zerstörung, Deportation, Besatzung.

Litauen zählt 3,4 Millionen Einwohner – und fast alle waren schon auf dem Berg der Kreuze. Also machen auch wir Busreisenden dort Halt. «Es ist zwar eher ein Hügel», relativiert Elisabeth, «aber von der Bedeutung her ist es ein richtiger Berg.» Der Ort war
das Symbol des nationalen Widerstands gegen das Sowjetregime; inzwischen ist er Wallfahrtsort und Touristenattraktion. Rund um eine Muttergottesstatue sind wohl Hunderttausende von Kreuzen platziert. Man erzählt sich, dass jedes Mal, wenn die sowjetischen Besatzer die Kreuze entfernten, am andern Tag jeweils doppelt so viele dastanden.

Inzwischen ist Litauen ein freies Land. Die Kreuze sind geblieben. Und es werden jeden Tag mehr. Das unendliche Meer von planlos deponierten Kreuzen in allen Grössen erinnert an Installationen von H. R. Giger. An den Kiosken am Fuss des Hügels kann man weitere Kreuze kaufen, die kleinsten kosten 2 Euro, ab 15 Euro gibt es bereits ein ordentliches Holzkreuz mit Metallstachel für eine zuverlässige Verankerung im Boden.

Die Grenzkontrollen im Baltikum sind aufgehoben. So bemerken wir kaum, dass wir Lettland erreicht haben; wer mit dem Bus reist, braucht sich nicht um den richtigen Weg zu kümmern. Chauffeur Zeller Markus erledigt das mit traumwandlerischer Sicherheit. Er weiss auch zuverlässig, wie viele Kilometer oder Fahrminuten uns vom nächsten Schnellimbiss mit Toilette trennen. Zwischendurch wundern sich einige Fahrgäste, warum der Bus nie tanken muss. Der Zeller Markus lacht und sagt: «Zauberei!»

In Riga gehe ich, nach der verpassten Chance von Vilnius klüger geworden, mit auf die Stadtführung. Ich bin beeindruckt von der lettischen Hauptstadt. 800 Jugendstilhäuser zeugen vom ehemaligen Reichtum Rigas; die gepflästerte Altstadt ist geprägt von deutschen Kaufmannshäusern und gotischen Kirchen; ringsherum riesige Grünanlagen und jede Menge Cafés und Geschäfte zum Flanieren und Entdecken. Die neuen Einkaufszentren sollte man allerdings nicht freiwillig besuchen; sie wirken deprimierend. Fröhliches Leben hingegen füllt die Markthallen. Riga erzählt die nicht enden wollende Geschichte von Krieg und Frieden; im Radiogebäude, das mitten in der Stadt steht, sind die Einschusslöcher der Geschosse aus dem Jahre 1991 zu sehen, als das Land aufbegehrte und sich von den Russen löste.

Busreisende sind hochanständig

Mit zunehmender Reisedauer begreife ich, was die Qualität einer Busreise ausmacht: Interessierte Menschen sind gemeinsam unterwegs. Sie mögen das dosierte Abenteuer, sind neugierig auf Land und Leute. Sie möchten sich nicht um die Details kümmern, sondern unbeschwert die Reise geniessen.

Die meisten sind nicht zum ersten Mal mit dem Bus unterwegs, sondern sie entdecken mit dieser Art des Reisens die Welt und planen schon die nächste Tour. Alleinreisende finden rasch Anschluss, wenn sie das wollen. Busreisende, so wie ich sie erlebe, sind zudem hochanständig, rücksichtsvoll und unerhört pünktlich. Wenn der Zeller Markus sagt, «wir treffen uns morgen um 7.30 vor dem Hotel», dann stehen anderntags um 7.25 Uhr alle bereit.

Im Kurort Pärnu an der Westküste Estlands herrscht mildes Meeresklima. Der lange Sandstrand, Parks und Cafés, blauer Himmel und die strahlende Sonne laden zum Verweilen und zum Baden im Meer. Wir können nicht verweilen; das Programm diktiert den Zeitplan, und der sagt: Einsteigen, Weiterfahrt nach Tallinn.

In der estnischen Hauptstadt breche ich die Reise ab. Fast schon bereue ich, dass ich, skeptisch wie ich war, die Reise nur bis Tallinn gebucht habe. Meine 25 neuen Freunde aus dem Bus reisen weiter nach St. Petersburg und Helsinki. Ich fliege nach Hause. Selber schuld.