Aargauer Psychiatrie: Zu wenig Geld, zu wenig Pfleger

Um im Bereich der Psychiatrie auch nur schweizerischen Durchschnitt zu erreichen, müsste der Kanton Aargau eine höhere zweistellige Millionensumme in die Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) investieren.

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Keystone

Fränzi Zulauf

Allein in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden müsste man 20 neue Stellen in der Pflege und drei im Sozialdienst schaffen sowie fünf bis sieben zusätzliche Ärzte und zehn Therapeuten einstellen, um eine zeitgemässe Behandlung und Betreuung der Patienten zu erreichen. Ausserdem müssen die Räumlichkeiten in Königsfelden dringend saniert werden, die Infrastruktur modernisiert und die Therapieangebote ausgebaut werden. «Ein höherer zweistelliger Millionenbetrag», sagt Christoph Ziörjen, CEO der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), «ist dazu notwendig.» Doch damit der Aargau zu einer modernen Psychiatrie kommt, braucht es noch weitere Massnahmen und konzeptionelle Neuerungen.

Entwicklungen verpasst

Wer von aussen kommt, hat meist einen unverstellten Blick, kann Situationen und Abläufe frei von Betriebsblindheit, Alltagstrott oder gar Resignation beurteilen. Von aussen gekommen oder in neuer Funktion angetreten sind drei Chefärzte der Psychiatrischen Dienste: Daniel Bielinski, seit 100 Tagen Chefarzt der Klinik Königsfelden, Urs Hepp, seit einem halben Jahr Chefarzt des Externen Psychiatrischen Dienstes (EPD), und Jürg Unger, seit 100 Tagen Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD). Gemeinsam zogen sie gestern Bilanz aus den ersten Monaten - und waren sich einig: Es gibt viel zu tun in der Aargauer Psychiatrie und es muss rasch angepackt werden. Dieser Meinung ist auch CEO Christoph Ziörjen. Er sagt klipp und klar: «Wir wollen weg von der Billigpsychiatrie und im schweizerischen Vergleich qualitativ zumindest das Mittelfeld erreichen. Wir haben einen gewaltigen Nachholbedarf.» Vorwürfe sind weder von Chefarztseite noch vom CEO oder vom Verwaltungsratspräsidenten Patrick Wagner zu hören. Aber es wird klar: In den letzten 10 bis 20 Jahren hat man es versäumt, Schritt zu halten mit den Entwicklungen der heutigen Zeit.

Unter schweizerischem Standard

Dringend ist eine Sanierung der Klinikräumlichkeiten. Schimmel in vielen Ecken, Fugen und Räumen gehören, nebst anderen Mängeln, zu den unappetitlichen Erscheinungen, die behoben werden müssen. Anderseits aber verfügt die Klinik über veraltete Raumkonzepte: Dreierzimmer sollte es in der Psychiatrie eigentlich nicht mehr geben und dass sich ein Dutzend Patienten oder mehr eine Dusche teilen müssen, das Stationsbadezimmer beinahe aussieht wie im Film «Matto regiert», ist schon fast unhaltbar. «Unsere Räumlichkeiten sind weit unter dem schweizerischen Standard», hält Daniel Bielinski fest. Er will zudem die Grösse der Stationen von 22 auf 18 Betten reduzieren und den Langzeitbereich neu organisieren. «Wir haben einerseits viele ältere und demente Langzeitpatienten, die in einem Pflegeheim gut aufgehoben wären.» Für die anderen Langzeitpatienten stellt sich der Chefarzt den Aufbau eines spezifischen Heimzentrums vor.

Bedeutung der Psychiatrie

• 300 000 Aargauerinnen und Aargauer (jeder/jede 2.) erkranken in ihrem Leben an einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit.

• 150 000 Aargauerinnen und Aargauer leiden in einem Jahr an einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit.

• 10 000 Aargauerinnen und Aargauer erkranken pro Jahr neu.

• 110 Aargauerinnen und Aargauer nehmen sich jährlich das Leben, 1100 versuchen es.

Triage und Spezialisierung

Ein grosses Anliegen ist den drei Chefärzten die Schaffung einer Triagestelle für Notfälle und Kriseninterventionen. «Damit», ist Urs Hepp überzeugt, «könnte man in jeder Situation die optimale Behandlung gewährleisten.» Konkret würden dabei sämtliche Patientenanmeldungen von Hausärzten, Psychiatern, Angehörigen, Behörden etc. über diese Stelle laufen. Dort würde entscheiden, ob eine ambulante, teilstationäre oder stationäre Behandlung angezeigt sei. Weitere Anliegen sind der Ausbau der ambulanten Angebote und der Tageskliniken sowie Spezialisierungen innerhalb der Klinik. «Um unseren Patienten eine moderne Behandlung zu garantieren, die nicht in erster Linie auf Medikamenten basiert, müssen wir unsere Therapieangebote ausbauen, Ergotherapie und Bewegungstherapie beispielsweise, gehören zwingend dazu.» Grundproblem sind zweifellos die viel zu knappen personellen Ressourcen: Sie führen dazu, dass die Patienten in Königsfelden heute mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 30 Tagen doppelt so lange in der Klinik bleiben wie in anderen Kantonen - und häufiger nur medikamentös behandelt werden. Dies soll schnellstens ändern.