Schweiz

Aargauer lieben die Deutschen

Zwist zwischen der Schweiz und Deutschland (Symbolbild)

Zwist zwischen der Schweiz und Deutschland (Symbolbild)

Die Beziehung zwischen Deutschland und der Schweiz kriselt, heisst es. Der «Sonntag» beweist das Gegenteil. Denn:Trotz Deutschen-Debatte verstehen wir uns in der Realität glänzend, wie unsere Liebespaare zeigen

maja sommerhalder

Sie klauen unsere Daten und beschimpfen uns als Indianer. Dies, obwohl sie zu Tausenden in unser Land eindringen, um uns die guten Jobs und Wohnungen wegzunehmen. Obendrein sind sie autoritär, unfreundlich und laut - die 82 Millionen Menschen aus dem grossen, bösen Deutschland.

Vor fast sechs Jahren habe ich einen von ihnen in einem Berliner Park getroffen. Es war Sommer und ich kam in die deutsche Hauptstadt, um ein Praktikum zu absolvieren. Der junge Mann im Park war nicht unfreundlich oder laut, er sprach aber viel und schnell. Doch was er sagte, war interessant und witzig. Spannend war für mich auch, dass er aus Ostberlin kam. Die DDR war für mich damals ein Buch mit sieben Siegeln. Er und seine Freunde wussten aber auch kaum etwas über die Schweiz. Sie assoziierten meine Heimat mit Bergen, Schoggi und Kühen. Kurz, die Schweiz war für sie ein friedliches Ferienparadies.

Ich als Schweizerin genoss einen Exotenstatus und ich spürte ehrliches Interesse, wenn es um meine Heimat ging. Interesse an mir hatte auch der Berliner im Park, und auch ich verliebte mich ihn. Ich blieb über ein Jahr in Berlin. Die Deutschen nahmen mich herzlich auf, ich fühlte mich schnell integriert. Dass es in der deutschen Arbeitswelt autoritärer als in der Schweiz zugeht, kann ich nicht bestätigen. Der Umgang unter den Kollegen war stets locker. Natürlich ist man etwas direkter, doch dann weiss man wenigstens, woran man ist. Das Problem ist vielmehr, dass es in Berlin kaum bezahlte Arbeit gibt.

Deshalb zog es mich auch wieder zurück in die Schweiz. Mein Freund kam mit mir und musste lernen, dass man mit einem Halbtaxabo nicht den halben Tag fahren kann und dass man in der Migros eben ein bisschen länger an der Kasse warten muss als im Aldi. Solche kleinen, aber feinen Unterschiede sorgen auch heute für Diskussionen. Manchmal sind sie hart und grundsätzlich, doch genau dies bereichert unsere Beziehung und hilft mir auch, mein Land mit anderen Augen zu betrachten.


Eine faire Debatte um die Deutschen wäre zu begrüssen. Allerdings sind die Diskussionen teilweise von Vorurteilen statt von Offenheit geprägt. Schade, da wir uns doch im wirklichen Leben verstehen und uns sogar ineinander verlieben können. Mein Freund macht es übrigens richtig, er beachtet die negativen Aussagen kaum. Kürzlich meinte er: «Ein bisschen Kritik schadet nicht, wir kritisieren die Schweizer ja auch.»

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