Aargauer Industriebrache: Bei Reichhold fahren bald die Bagger auf

Das Areal des einstigen Chemiewerkes der Reichhold Chemie AG in den Gemeinden Hausen und Lupfig dürfte seit langem eine der grössten Industriebrachen im Aargau sein. Damit ist es jetzt aber bald vorbei. Nach Abschluss der Bodensanierung liegt seit kurzem das Baugesuch für den Rückbau der Hochbauten auf.

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Rückbau der Gebäude der Reichhold Chemie AG
5 Bilder
«Eisengewirr» Blick in eine ehemalige Produktionshalle.
Stilleben Blick in eines der ehemaligen Reichhold-Labors.
Froschperspektive Blick auf den Kamin. Bilder: Walter schwager
Statthalter Gerald Schmidt.

Rückbau der Gebäude der Reichhold Chemie AG

Louis Probst

«Jeder Besuch ist gebeten, sich vor Betreten des Fabrikareals in der Verwaltung anzumelden», steht am Pförtnerhäuschen geschrieben. Einen Pförtner gibts in diesem Häuschen allerdings schon lange nicht mehr. Und die Verwaltung im Direktionsgebäude - an dessen Portal immer noch eine kleine Bronzetafel mit dem Signet der Reichhold AG diskret auf die weltweite Tätigkeit der Firmengruppe hinweist - besteht aus einem einzigen Mann: Gerald Schmidt. Seit der Stilllegung des Chemiewerkes der Reichhold AG im Jahre 1992 wacht er über die Liegenschaften.

In den kommenden Monaten sollen jetzt die Bauten des ausgedehnten Industriekomplexes abgetragen werden. In den Gemeinden Hausen und Lupfig liegt seit kurzem das Baugesuch für den Rückbau auf. Ziel dieses Rückbaues ist es, das Grundstück so weit zu sanieren, dass es anschliessend verkauft und einer neuen - gewerblichen - Nutzung zugeführt werden kann. Als Bauherr tritt die Reichhold Chemie GmbH auf, gewissermassen eine Tochterfirma der Swiss North American Properties Inc. (SNAP), die seinerzeit das Reichhold-Areal erworben hatte.

Gewaltige Rückbauvolumen

Der Umfang der Rückbauarbeiten, die gemäss den Unterlagen zum Baugesuch von einem in England domizilierten Unternehmen, der N&R Demolitions Ltd. aus Hebden Bridge in West Yorkshire, durchgeführt werden sollen, ist beachtlich. Das zeigt nicht nur die detaillierte Aufstellung über die Materialien, die fachgerecht entsorgt werden müssen. Aufgelistet werden unter anderem mehr als 10 000 Kubikmeter Beton, Ziegel und Kies, 1500 Tonnen Metall und 300 Tonnen Asbestzementplatten. Einen Eindruck vom Umfang der Abbrucharbeiten gibt auch ein kurzer Rundgang unter der kundigen Führung von Gerald Schmidt durch die stillgelegte Fabrik.

Einiges der Anlagen des einstigen Chemiewerkes sei schon vor Jahren bei der Stillegung der Produktion der Reichhold AG abgebaut worden, erklärt er. «Der bessere Teil ist nach Österreich und nach Frankreich gegangen.» Ausgebaut worden sind auch die grossen Tanks. In den tiefen Tankwannen hat sich inzwischen teilweise meterhoch Wasser angesammelt. Immerhin ein Beweis dafür, dass die Behälter immer noch dicht sind. «Manchmal kommen auch Enten», meint Gerald Schmidt.

Viele ungebetene Gäste

Entdeckt worden sozusagen ist die stillgelegte Fabrik übrigens nicht bloss von Enten und offenbar auch von Raubvögeln, die dem Vogeldreck und den Federn in einer Halle nach zu schliessen irgendwo hoch oben aus nisten. Zugang verschafft haben sich auch Graffitikünstlern und Paint-Ball-Leute, die in den Gebäuden offensichtlich den Häuserkampf geübt haben. «Die haben sämtliche Neonröhren heruntergeschossen», sagt Gerald Schmidt und hebt eines der weissen Keramikgeschosse vom Boden auf.

«Hier wurde einst Dispersion hergestellt», erklärt er in einer der riesigen Hallen, die von einem Gewirr von Eisentreppen. Podesten und Rohrleitungen durchzogen werden. «Und diese Tanks hier stammen noch aus der Zeit der Zementfabrik. Man hat sie später zur Lagerung von Kühlwasser genutzt.» Dieses Kühlwasser stammte übrigens aus dem Pumpbetrieb, der im Reichhold-Areal zum Schutz des Grundwassers vor Verunreinigungen durch eine Deponie im Birrfeld über Jahre hinweg durchgeführt worden war. Erst vor einem Jahr konnte dieser Pumpbetrieb eingestellt werden.

«Hier war die Polyesterproduktion», erklärt Gerald Schmidt und deutet in eine Ecke der Halle, in der noch zwei kleine Tanks stehen. «Hier hat eigentlich alles angefangen.» Die Erdhaufen und die Kisten mit den Bohrkernen in dieser Halle stammen allerdings aus der neuesten Zeit. Für die Langzeitüberwachung des Areals sind zahlreiche Bohrungen bis zu 30 Meter tief vorgetrieben worden.

Im Laborgebäude stehen immer noch Geräte. In der einstigen mechanischen Werkstatt liegt auf der Schmiedeesse immer noch Kohle. Und über dem Ganzen, über der seit bald zwei Jahrzehnten stillgelegten Fabrik, liegt eine eigenartige Stimmung. Man fragt sich unwillkürlich, was aus den bis zu 170 Menschen geworden ist, die einst hier gearbeitet haben.

Tempi passati. Bald wird es mit den Relikten der einstigen Chemiewerkes vorbei sein. Bald wird alles verschwinden. Pförtnerhaus, Direktionsgebäude, Fabrikationshallen, Laborgebäude. Verschwinden wird auch die Abfallverbrennungsanlage, für die einst in langen juristischen Auseinandersetzungen sogar eine Bewilligung für den Ausbau erstritten werden konnte.

Rückbau innert acht Monaten

Der Rückbau wird in Etappen gebäudeweise erfolgen und soll gemäss Baugesuch innerhalb von acht Monaten abgeschlossen werden. Grundsätzlich wird jeweils erst eine Asbestsanierung im Innern der Gebäude durchgeführt. Dann folgt die Asbestsanierung aussen und schliesslich der Rückbau der Bausubstanz. Gemäss Baugesuch wird der belastete Untergrund bis zu 1,5 Meter unter Terrain rückgebaut respektive ausgehoben. An jenen Stellen, an denen die Verunreinigungen tiefer reichen, sind Massnahmen vorgesehen, mit denen verhindert werden kann, dass durch das Meteorwasser Schadstoffe ausgewaschen werden.

Die Rückbauarbeiten werden vor Ort durch eine Fachperson begleitet, die für die Triage und die Klassifizierung der Materialien verantwortlich ist und die über eine Weisungsbefugnis verfügt.