Markus Reinhardt
Aargauer Ex-Polizeikommandant: «Reinhardt wäre zu retten gewesen»

Das Alkoholproblem von Markus Reinhardt war «seit einigen Jahren» bekannt, sagt der ehemalige Polizeikommandant des Kantons Aargau, Léon Borer. Das verstärkt die Frage nach der Verantwortung der Bündner Regierung.

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Max Dohner

Hätte man früher handeln können, handeln müssen? Léon Borer antwortet, ohne zu zögern, wenn auch indirekt: «Der Mann wäre zu retten gewesen.» Die Krankheit von Markus Reinhardt, sein Problem sei «nicht wenigen Leuten bekannt gewesen, den Polizeikommandanten und den Leuten in Reinhardts Umfeld». Seit wann?

Darauf will Borer erst nicht eintreten. Später deutet er an, dass dies seit einigen Jahren der Fall sei. Mehr wolle er nicht sagen, denn: «Ich schätzte Reinhardt im Dienst. Er war kompetent, gescheit, erfahren und beliebt, er führte sein Korps gut, kam im Kollegenkreis gut an.» Er, Borer, werde «den frühen Kollegen an seinen guten Tagen» in Erinnerung behalten und «das andere Bild vergessen». Das habe er auch der Vorsteherin der Polizeidirektion, Regierungsrätin Barbara Janom Steiner, übermittelt.

«Alkohol ist eine gefährliche Droge», sagt Borer, «Alkohol enthemmt, aber das Problem ist heilbar.» Man hätte darum früher reagieren müssen, als dies Barbara Janom Steiner am Schluss versucht hat, auch vonseiten der Vorgänger Janoms. Der Posten eines Polizeikommandanten sei absolut unvereinbar mit einem Alkoholproblem. Warum also handelte so lange niemand? «Ich will die Regierung nicht vorverurteilen», sagt Borer mit leisem Lächeln: «Manchmal ist eine Regierung die letzte Instanz, die von derlei Kenntnis erhält.» Warum aber machte auch niemand in Fach- oder Kollegenkreisen auf das Problem aufmerksam? «Das ist von aussen extrem heikel», antwortet Borer, «umso mehr, als auch vermutlich im Korps einige davon wissen mussten. Es gibt im Übrigen auch eine Eigenverantwortung.»

Man kann sich vorstellen, dass Korpsgeist bindet, gerade bei der Polizei, dass Offiziere Hemmungen haben, den Chef zu denunzieren, und ihm auch sonst niemand unter die Augen tritt: «Chef, das geht nicht!»

Macht der Posten eines Polizeikommandanten einsam? «Man ist gegen viele Seiten allein», antwortet Borer, «diesen Druck muss man aushalten.» Und die Sache mit dem «finalen Rettungsschuss» vor zehn Jahren, den Reinhardt verantworten musste? Vom Vorwurf eines Tötungsdelikts war der Kommandant freigesprochen worden, aber es gibt Stimmen, die jetzt, nach Reinhardts Selbstmord, glauben, dass er jenen Entscheid nie überwunden habe. «Nach dem Stress einer solchen Phase», sagt Borer, «sollte sich die Sache wieder einpendeln, zumal mit einem Freispruch.»