Möbelsalon

«A Piece of Sky»: Anderthalb Stunden anstehen für zwei Minuten in einer anderen Realität

Am Möbelsalon in Mailand traf sich die Designwelt. Mittendrin: Stephan Hürlemann mit «A Piece of Sky». Bis zu 1,5 Stunden musste man vor der Installation anstehen, um sich für zwei Minuten in eine andere Realität zu beamen. Hier ist der direkte Zugang

Stephan Hürlemann, die schummrigen Depots hinter dem Hauptbahnhof, wo sich Obdachlose zurückziehen, als Ort zum Abheben?

Die Idee der Installation ist der Perspektiven- und Dimensionswechsel. Bei «A Piece of Sky» ist es möglich, aus dem irdischen Kontext zu treten und eine völlig andere Sicht zu erleben.

Worauf?

Auf das Universum, die Erde und die eigene Existenz, von einem ruhigen Ort inmitten des Design-Trubels aus. Ziel ist, der Besucherin und dem Besucher ein Staunen aufs Gesicht zu zaubern. Oder sie auf Gedanken zu bringen, die sie ohne die Installation nicht gehabt hätten. Die Realität der vielen Obdachlosen in den Strassen holt mich allerdings immer wieder schnell auf die Erde zurück. Sie ist niederschmetternd.

Was löste eigentlich «A Piece of Sky» bei Ihnen aus?

Die Idee ist im Kopf entstanden. Ob sie funktioniert, sieht man erst, wenn sie 1:1 umgesetzt ist. In dem Moment, als ich den Trichter erstmals betrat, verspürte ich eine kindliche Freude.

Das Design funktioniert?!

Vielleicht war ich auch einfach müde. Und über Sinn und Unsinn von Design kann man sinnieren. Aber mich berührt die Vorstellung, dass eine so einfache Struktur eine solche Wirkung haben kann. In der Beam-Kabine wähnt man sich nicht mehr auf der Erde, sondern irgendwo im Weltall. Von der Via Ferrante Aporti 17 in Milano zum Outer Space: So schnell kann man eigentlich gar nicht reisen.

Woraus besteht die Kabine genau?

Der sechseckige Trichter ist eine Stahl-Holz-Konstruktion. Die Seitenflächen im Innern sind mit Metallspiegeln beplankt. Am Ende der sich verjüngenden Seiten ist er mit einer transluszenten Fläche aus satiniertem Acrylglas abgeschlossen. Diese wird von der Rückseite her mit Spots beleuchtet, die per Knopfdruck ihre Farbe wechseln. Da die Innenwände verspiegelt sind, entsteht dort das Bild einer riesigen Kugel, die weiss, blau, orange, rot oder pink leuchtet und weiss blitzt. Wenn der Besucher die Installation betritt, erhält er den Eindruck, als schaue er vom Weltall auf die Erde. Verstärkt wird das Erlebnis durch den Ton: Im Innern rauscht der von der NASA aufgenommene Klang der Erdrotation, der in hörbare Frequenzen übersetzt worden ist.

Wo entstand die Idee?

Auf der Autobahn, unter dem wunderbaren Firmament zwischen Winterthur und Zürich. Fahren und Joggen sind für mich gute Mittel, um zu denken. Wenn der Körper abgelenkt ist, kommt das Hirn auf Touren. Zuerst «entwarf» ich übrigens den Titel «A Piece of Sky», ein Stück Himmel. Schon die Worte lösen Bilder aus, die sich durch das Erlebnis in der Installation noch verstärken.

Doch was hat die «atmosphärisch-immersive Installation» am Schluss mit Möbeln zu tun?

Sie bezieht sich nicht auf Möbel. Aber in Mailand sind gerade wahnsinnig viele Design-affine Leute unterwegs, etwa Architekten und andere Gestalter. «A Piece of Sky» konnte ich für Sky-Frame entwickeln. Das international tätige Unternehmen aus Frauenfeld ist auf rahmenlose Schiebefenster spezialisiert. Um als Marke mit hohem Anspruch auf Ästhetik präsent zu sein, ist Mailand während der Designwoche extrem interessant. In der Stadt gibt es über 3000 Ausstellungen. Auch von grossen Firmen wie Cos, Lexus oder Yamaha, die keine Möbel herstellen. Ein paar Bögen neben uns stationiert Freitag. Dort kann man die zwei Firmengründer aus Zürich auf einmal treffen.

Letztes Jahr waren Sie für Horgenglarus, der ältesten Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz, vor Ort. Für die «Riesen mit Zwerg» aus Stuhl- und Tischteilen wurden Sie mit dem «Milano Design Award 2018» (Kategorie Unicorn) ausgezeichnet. Wie bringen Sie archaische und futuristische Ästhetik zusammen?

Das ist einfach: Bei beiden Installationen geht es darum, die Essenz der Marke in eine emotionale Erfahrung zu packen. Der Besucher soll ein gutes Erlebnis haben, eines, das inspiriert und berührt. Wenn man das schafft, dann passiert etwas Magisches: Vielleicht erinnern sich die Leute später an das Erlebnis – trotz des Wahnsinns dieser Messe.

Immerhin sind Sie mit «Ventura Centrale» strategisch gut positioniert. Wie kam es dazu?

Geschäftspartnerin Barbara Hutter, die mich auch bei Installationskonzepten berät, hatte die Idee, «Riesen mit Zwerg» an der Möbelmesse einem internationalen Publikum vorzustellen. Über Google fanden wir heraus, dass die Organisation «Ventura Projects» am Fuorisalone 2017 erstmals ein paar verlassene Lagerhallen unter dem Hauptbahnhof öffnete und dort einige Aussteller ihre Produkte zeigten. Wir gingen mit dem Kunden Horgenglarus nach Mailand, schauten uns zwei Tage lang verschiedene Locations an, «Ventura Centrale» war die erste und sollte die beste bleiben. Das rohe, kalte und feuchte Betongewölbe mit seinem Höhlencharakter bot das perfekte Ambiente. Heute, im 3. Jahr, ist der Ort mit 16 geöffneten Betongewölben einer der Hotspots des Fuorisalone.

Letztes Jahr sah man in Mailand fast schwereloses Design. Einige Möbel waren so dünn, dass sie zweidimensional wirkten. Ist das Weltall, beispielsweise «Piece of Sky», eine mögliche Weiterentwicklung?

Stilistische Trends interessieren mich nicht. Doch Naturphänomene, Geometrie, Physik, Optik faszinieren mich. Ich will wissen, wie Dinge funktionieren.

Was beeinflusst Ihre Entscheide?

Die ganze Umweltthematik geht an mir nicht vorbei. Wenn ich keinen Grund sehe, etwas zu machen, dann mache ich es nicht. Sonst wäre das Umweltverschmutzung. Ich will Dinge entwerfen, die ein Bedürfnis stillen und ökonomisch erfolgreich sind. Was mich aber beeinflusst, ist die Entdeckung von Ritualen. Wenn ich merke, dass sich ein Bedürfnis verändert oder anbahnt.

Was machen Sie aus?

Ein Beispiel ist das Bedürfnis nach flexiblen Arbeitsumgebungen. Zudem gibt es im digitalen Zeitalter zunehmend papierlose Büros. Da es immer weniger Gestelle für Ordner braucht, fehlen Raumtrenner und Wände für den Rückzug. Im Rahmen eines Architekturprojekts habe ich deshalb die mobile Möbeltypologie «Dancing Wall» entwickelt, die mittlerweile von Vitra vertrieben wird. Der Name spielt auf die flexible Form des Arbeitens an, auf die junge Generation der Arbeitnehmer, die sich als Teamplayer sehen, denen die Work-Life-Balance wichtig ist. Arbeiten wird zur Choreografie. Doch auch das Besitzen verändert sich. Es gibt neue Mietmodelle. Vom Serviced-Office über Co-Working-Welten bis hin zu vollausgestatteten Wohnungen. Trotzdem bleibt das Bedürfnis nach Identität stiftenden Räumen und Möbeln bestehen.

Welche Gegenstände brauchen Sie zum Leben?

Ich brauche nicht so viel. Bücher, Tisch, Stuhl, Sofa, Uhr. Ich suche mir die Dinge, die mich umgeben, bewusst aus. Mein verstorbener Geschäftspartner Hannes Wettstein drückte es einmal schön aus: «Wer sparen will, kauft sich etwas Wertvolles.» Das heisst jetzt aber nicht, dass ich meine Suppe mit einem goldenen Löffel esse.

Was soll Design bewirken?

Ich glaube, Design hat einen wichtigen Stellenwert heute, und in Zukunft noch mehr. Denn: 1. Design hilft in einer Welt von unglaublichem Überangebot eine Orientierung zu geben und Identität zu stiften. 2. Im holistischen Ansatz gesprochen, ist es essenziell, dass sich neue Formen von Leben, Arbeiten, Kommunizieren auch physisch abbilden. 3. Design kann neue Formen von Wohnen und Arbeiten provozieren und realisieren. Doch Design ist eigentlich ein blödes Wort.

Bitte?

Alles ist «designt» heutzutage. Und somit verliert der Begriff an Wert und wird zum reinen Marketinginstrument. Andererseits umschreibt der Begriff viele Dinge, für die es wenig alternative Bezeichnungen gibt. Ich bin Architekt und Designer, und kann mit diesem Titel gut leben.

Welche Designs könnten wir in Zukunft brauchen?

Jene, die den Alltag positiv beeinflussen. Sei es, indem sie intelligent mit Platzmangel umgehen, die Plastikschwemme mindern oder dafür sorgen, dass wir weniger physisch reisen.

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