Die schweizerische Flüchtlingspolitik wäh- rend der Zeit des Zweiten Weltkrieges schreibt wundersame Geschichten. Am 9. März 1944 protokolliert die Kantonspolizei in St. Gallen die Aussage eines Polen namens Leon Rozga: «Ich bin mit 11 Elefanten, einem Nilpferd und einem Pferd in die Schweiz gekommen.»

Die Einreise des Polen aus Deutschland blieb unentdeckt. «Der Transport ging Samstagabend ab und kam Dienstagabend an. Von einer Grenzkontrolle habe ich nichts gespürt», gibt er zu Protokoll. Kein Wunder, Leon Rozga hat sein Versteck gut gewählt. «Mit dem Zug ging ein halber Waggon Hafer mit, und darin hielt ich mich versteckt. Als ich bemerkte, dass man die Elefanten auslud, kam ich hervor.» Zusammen mit den Tieren ist Rozga 1944 in Rapperswil angekommen.

Die Tiere kommen vom Sarrasani in Dresden und sind für den Circus Knie bestimmt. Sarrasani wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert gegründet und avancierte in den 1920er-Jahren zum «grössten und elegantesten Circus Europas» (Eigenwerbung). Vor Film und Fernsehen war der Zirkus neben Musik und Theater eines der wichtigsten Freizeitvergnügen in Europa. Die Menschen liebten es, Tieren und ihren Dompteuren in der Manege, den Clowns und Akrobatinnen zuzuschauen. Ihr Applaus galt dem farbigen, fröhlichen, zuweilen poetischen Spektakel, für das der Circus Sarrasani berühmt war. Er geschäftete sehr erfolgreich und baute 1910 in Dresden-Neustadt ein modernes, festes Zirkus-Gebäude.

Platz für 10'000 Zuschauer

Das Herz des mondänen Zirkusbaus am Beaumontplatz in Dresden war der grosse Kuppelraum. Er wurde neben Zirkusdarbietungen auch für Meetings und Konzerte genutzt. Das Gebäude enthielt überdies ein Restaurant und einen Salon für nächtliche Kabaretts. Es war der erste feste Zirkus-Bau in Europa und fasste rund 4000 Personen. Sarrasani führte darüber hinaus in den 1920er- und 1930er-Jahren zwei grosse Zelte für 10'000 Personen, beschäftigte 800 Mitarbeiter, besass rund 250 Pferde, 100 Raubtiere und 20 Elefanten. Es war bei weitem das grösste Zirkusunternehmen auf dem europäischen Festland.

Während des Zweiten Weltkrieges verlor der «Sächsische Heimatzirkus» aber rasch an Bedeutung. Der aus der Gründerfamilie stammende Direktor Hans Stosch-Sarrasani starb 1941 in Berlin. Die Zirkusfamilie verpachtete das Gebäude daraufhin oft an Dritte. Dann geriet Dresden immer mehr in die Wirren des Krieges. Am 13. Februar 1945 wurde das Sarrasani-Theater bei einem Luftangriff zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Aber noch bevor die Alliierten die Stadt im Herbst und Winter 1944 heftig bombardierten, wurde ein Teil der Tiere in die Schweiz evakuiert. Die Zirkusfamilie Knie hatte sie übernommen.

Der Pole Leon Rozga, der als blinder Passagier die Elefanten, das Nilpferd und das Pferd auf dem Transport von Dresden in die Schweiz begleitete, hatte kaum Berührungspunkte zu dem berühmten Zirkus. Er ist in Wadlew, 150 Kilometer südwestlich von Warschau, im Kreis Lask geboren, auf einem Bauernhof aufgewachsen und nach der Schule und dem frühen Tod seines Vaters dort geblieben.

Als deutsche Truppen Polen 1939 überfallen und besetzen, ist Rozga zwanzig Jahre alt. Er wird sofort für die Zwangsarbeit in Deutschland rekrutiert, wie Hunderttausende andere polnische Frauen und Männer auch. Er muss den eigenen Hof verlassen und bei Bauern in Deutschland arbeiten, bevor er als Tierpfleger beim Circus Sarrasani in Dresden eingesetzt wird.

Als sich Leon Rozga im Güterzug versteckt, hat er sieben Monate bei Sarrasani gearbeitet. Das Motiv seiner Flucht ist zunächst unklar. Er ist noch nie in der Schweiz gewesen und hat weder Verwandte noch Bekannte hier. Rozga gibt zu Protokoll, dass er «aus Anhänglichkeit zu den Elefanten» mitgereist sei.

Der deutsche «Elefantendresseur» der den Transport offiziell begleitet, bestätigt, dass Leon Rozga «bei den Elefanten bleiben wolle». Er sei «ein sehr anständiger und zuverlässiger Bursche». Der Polizist, der in St. Gallen auf dem Kommandoposten Rozga vernimmt, notiert: «Immer wenn von Elefanten die Rede ist, bricht er in Tränen aus.» Er bezeichnet ihn deshalb als «einen harmlosen Typen» und sollte sich darin gehörig täuschen.

Elefantennarr oder Flüchtling?

Der Circus Knie hofft, dass Leon Rozga die Schweiz nicht verlassen muss. Er will ihn als Wärter einstellen, «da er mit den aus Deutschland eingetroffenen Elefanten vertraut ist». Das wäre für Knie «ein grosser Vorteil»; umsomehr, «als in der Schweiz keine Elefantenwärter erhältlich sind». Es gestaltet sich aber in dieser Zeit des Krieges und der Angst vor Spionen schwierig, die Behörden zu überzeugen. Leon Rozga hat die Grenze illegal überquert und müsste deshalb zurückgewiesen werden.

Knie interveniert immer wieder bei den St. Galler und den Berner Behörden. Die Polizeiabteilung gibt schliesslich nach: Sie interniert Rozga als zivilen Flüchtling und erteilt ihm eine Ausnahmebewilligung für eine Beschäftigung beim Circus Knie, statt ihn in ein Arbeitslager zu schicken. Sie bewilligt auch die monatliche Auszahlung von 45 Franken vom Lohn des Circus Knie. Der übrige Lohn wird – wie bei Flüchtlingen üblich – bei der Schweizerischen Volksbank zwangsverwaltet, bei der Geld nur mit der Genehmigung der Polizeiabteilung bezogen werden kann.

45 Franken ist recht wenig: 1944 kostet in Zürich ein Kilo Brot 55 Rappen und ein Kilo Kaffee 4 Franken 85. Knie macht die Polizeiabteilung auch darauf aufmerksam, dass Arbeiter bei einem reisenden Unternehmen «sehr hohe Spesen», zum Beispiel für Kleider und Verpflegung, haben. Die Polizeiabteilung bewilligt schliesslich die ausserordentliche Auszahlung von 100 Franken für den Kauf eines Paars Schuhe, einer Hose, eines Kittels und zwei Hemden.

Viele Polen wollen nach England

Für den Circus Knie lohnt sich der Kampf gegen die bürokratischen Mühlen nicht. Er schreibt der Polizeiabteilung schon am 20. September 1944, dass Leon Rozga die Schweiz verlassen hat, «vermutlich von Genf aus». Die Alliierten haben von der Normandie und Marseille aus einen grossen Teil Frankreichs befreit. Viele der in der Schweiz internierten Polen zieht es nach Grossbritannien.

Sie waren wie Leon Rozga der Zwangsarbeit in Deutschland entflohen oder hatten auf der Seite Frankreichs gekämpft und waren bei der Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht im Frühsommer 1940 im Jura in die Schweiz übergetreten. Sie brennen darauf, der «Armia Krajowa», der polnischen Heimatarmee, beizutreten und Polen von den verhassten Nationalsozialisten zu befreien. Vielen geht es auch darum, zusammen mit den Westalliierten schneller als die Russen über Oder und Neisse vorzustossen.

Der letzte Kontakt mit Leon Rozga erfolgt am 10. Oktober 1945. Er meldet sich stolz als Angehöriger der polnischen Streitkräfte bei der Schweizer Botschaft in London und schreibt anschliessend einen freundlichen Brief nach Bern. Darin ersucht er die Polizeiabteilung um die Überweisung des auf dem Konto der Volksbank zurückbehaltenen Betrages, den er beim Circus Knie als Elefantenwärter nach seiner wundersamen Flucht aus Dresden verdient hat.

* Guido Koller ist Historiker und spezialisiert auf Zeitgeschichte.